Die Schweiz steht Schlange iPhone: Warum tun die das?

  • Publiziert: 11.07.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Matthias Pfander

Ein Drama: iPhone oder kein iPhone? Die einen lächeln, die anderen nicht.

Am frühen Morgen stehen sie schon wieder Schlange. Die iPhone-Verrückten vor dem Laden der Swisscom neben der Zürcher Bahnhofstrasse. Sie warten. Der Platz vor dem Shop ist sauber. Weggeräumt der Müll der letzten Nacht, als 600 Leute Richtung Eingang drängten. Kurz vor Mitternacht musste sogar die Polizei anrücken. Wegen eines Handys!

Warum? Alle haben schon eines. Doch sie wollen ein Neues. Das neue von Apple. Dafür stehen sie über acht (8!) Stunden an. Wenn sie wieder aus dem Laden treten, die Papiertasche mit der schwarzen Schachtel in der Hand, lächeln sie. Seelig.

Erklären können sie es nicht. Sie können nicht sagen, weshalb sie das alles auf sich nehmen. Für ein neues Telefon. Das spätestens in einem Jahr schon wieder veraltet ist, weil es das nächste Neue gibt.

Das aktuelle, teurere Modell, schwarz mit 16 Gigabyte Speicher, ist besonders beliebt und in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag schon um zwei Uhr ausverkauft.

Einige ziehen deshalb enttäuscht ab. Um drei Uhr schliesst der Swisscom-Shop.

Morgens um vier stehen die Ersten schon wieder an. In der Hoffnung, das teure Modell ergattern zu können. Fehlanzeige. Um 6.30 Uhr öffnet der Laden – eine neue Lieferung ist nicht eingetroffen.

Später, es ist 10.26 Uhr, hält ein Taxi mit einer Nidwaldner Nummer vor dem Swisscom-Shop. Chauffeur Andreas Boog steigt aus, klemmt sich zwei Pakete unter den Arm. Drin: Je zehn iPhones. Er ist aufgeboten worden, um die Lieferung vom Lager in Emmen nach Zürich zu spedieren. Doch die reicht nicht lange. Schon um 11.15 Uhr ist Schluss. Keine iPhones mehr zu kaufen. Nur noch die Ausstellungsmodelle stehen im Laden. Und die sind gegen Diebstahl gesichert.

Um 15.45 Uhr heisst es offiziell: «Keine iPhones mehr erhältlich.» In der ganzen Schweiz. Neue Lieferung nächste Woche.

«Wunderbare Fantasien»

Psychoanalytiker und Komiker Peter Schneider über den iPhone-Hype.

Blick: Was geht im Kopf eines Menschen vor, der für ein Handy stundenlang ansteht?
Peter Schneider: Wunderbare Fantasien, was man mit dem neuen Gerät alles anstellen kann. Vergleichbar mit dem, was sich Buben früher vorgestellt haben, wenn sie sich das dicke Taschenmesser mit den 120 tollen Funktionen gewünscht haben.

Ist so lange anstehen überhaupt noch normal?
Es erinnert zweifellos an die Zustände in der früheren DDR, wenn irgendwo mal wieder eine Lieferung Bananen eingetroffen war. Die Leute liessen die Arbeit in den volkseigenen Betrieben ruhen und reihten sich ein in die Schlange vor dem Handelsorganisations-Laden ein.

Wie lautet Ihre Diagnose?
Es ist die gute alte Verstricktheit des Menschen in seine überbordenden Wünsche. Denn ganz offensichtlich geht es beim Konsumieren nicht nur darum, elementare Bedürfnisse zu befriedigen.

Haben Sie schon ein iPhone?
Ich hasse anstehen. Daher wäre es mir am liebsten, wenn es einer der Anbieter mir gratis nach Hause schicken könnte.

Marcel Speiser

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