«Google soll mit der Zeit Ihr bester Freund werden»

Googles Forschungs-Chefin Marissa Mayers (32) im Exklusiv-Interview mit SonntagsBlick über die Suchwissenschaft, Copyright und die Zukunft von Google

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Miss Mayer, als Laie wagt man sich gar nicht vorzustellen, wie die Internet-Suchmaschine Google funktioniert – was genau passiert, wenn ich den „Suche“-Knopf drücke?
Marissa Mayer: Zunächst einmal ist „Google“ so etwas wie das Inhalts-Verzeichnis in einem Buch ...

... nur, dass dieses „Buch“ unvorstellbar grösser ist.
Ja, unser „Buch“ ist der gesamte Inhalt des Internets, zurzeit sind dies rund 10 Milliarden Webseiten. Das war ja die bestechende Idee der Google-Gründer: den gesamten Inhalt des Internets runterzuladen und danach zu indexieren – also ein Inhaltsverzeichnis anzulegen. Die klassischen Suchmaschinen hingegegen gleichen eher einem unbeweglichen Branchenverzeichnis. Wenn Sie also bei Google die „Search“-Taste drücken, durchsucht die Google-Suchmaschine den indexierten Inhalt und liefert Ihnen die Links, die Sie dann auf die Seiten führen, auf denen Sie den gewünschten Inhalt finden.

Heute steht fest: Google hat die Internet-Suche neu erfunden.
Nein. Suchmaschinen hat es immer schon gegeben. Aber wir arbeiteten mit einem speziellen Such-Muster, das uns bessere Resultate lieferte. Erst wollten die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin ihre Technologie verkaufen. Sie warenauch im Gespräch mit Yahoo und Excite – aber die hatten kein Interesse, weil sie die ökonomischen Möglichkeiten nicht sahen. Deshalb wurde Google gegründet.

Was für „ökonomische Möglichkeiten“?
Unsere Such-Funktion bedient ja auch unsere Werbe-Tools – das heisst: Google versteht den Inhalt einer Webseite und bietet ihren Kunden die Möglichkeit, diese mit ähnlichen Produkten zu bewerben. Auf diese Art fliesst viel Geld. Mit diesem Geld wiederum können wir Software wie „Google Earth“ gratis anbieten.

Sie könnten sich eigentlich zurücklehnen – es läuft alles von selber.
Eigentlich ist es umgekehrt: Wir stehen eigentlich erst am Anfang. Aus meiner Sicht hat sich eine neue Wissenschaft gebildet: die Such-Wissenschaft, „Search“ ...

... welche den gigantischen Informations-Haufen bewältigen hilft.
Ein Haufen, der sich übrigens alle fünf Monate verdoppelt. Und deshalb wollen wir auch unsere Suchfunktion stetig verbessern. Mathematik oder Physik waren die Wissenschaften der letzten Jahrhunderte. „Search“ wird die Wissenschaft der nächsten Jahrhunderte sein.

Wie wollen Sie die Internet-Suche verbessern?
Indem wir die User dazu animieren, mehr von sich preiszugeben, mehr Daten hochzuladen. Je mehr Informationen im Netz verfügbar sind, desto besser werden die Suchresultate.

Damit hebeln Sie eine jahrhundertealte Tradition des Urheberschutzes aus.
Deswegen muss auch eine grundsätzliche Diskussion über Copyright geführt werden. Es kann doch nicht sein, dass Autoren ihre Bücher – die nicht mehr gedruckt werden – ins Internet stellen wollen, ihre Verleger sie aber daran hindern.

Wie sieht „Google“ in Zukunft aus?
Google soll mit der Zeit Ihr bester Freund werden, der Sie genau kennt und Ihnen stetig Vorschläge macht, die Ihren persönlichen Wünschen entsprechen.

Will „Google“ da nicht zu viel Persönliches von mir wissen?
Ihr bester Freund weiss ja auch intime Details über Sie. Aber es stimmt schon: Es ist eine grosse Herausforderung, wie wir die Menschen überzeugen können, Google als besten Freund zu akzeptieren. Je besser Sie ihr bester Freund aber kennt, desto besser sind auch seine Ratschläge. Anders gesagt: Je mehr wir von Ihnen persönlich wissen, desto gezielter können wir unsere Dienstleistungen auf Ihre Bedürfnisse abstimmen. Dieses Geben und Nehmen – das ist mir sehr wichtig – beruht aber stets auf Freiwilligkeit.

Wie wollen Sie das errreichen?
Das Wichtigste ist Transparenz und Kontrolle. Wer sich bei Google registrieren lässt, sieht jederzeit, was für Informationen er Google preisgibt. Und er hat jederzeit die Kontrolle darüber, er kann sie jederzeit löschen. Wir wollen ein Vertrauensverhältnis zu unseren Nutzern aufbauen und das sind die Grundpfeiler dazu.

E-Mail und Suche sind die meist genutzten Internet-Dienste der Gegenwart. Was bringt die Zukunft?
Eine Art mobilen persönlichen Assistenten – ein Gerät, das Informationen über Ihren Standort, Ihre Umgebung, Ihre Freunde liefert. Das iPhone von Apple zeigt, in welche Richtung die Reise geht.

Braucht es in Zukunft keine PCs mehr?
Computer wird es immer geben. Die Frage ist jedoch, wo man seine Daten speichern will. Wir gehen davon aus, dass die Leute ihre Daten künftig im Internet abspeichern, zum Beispiel bei Google: weil das sicherer ist als auf einem Laptop, weil es die Suche verbessert und weil man von überall auf seine Daten zurückgreifen kann – es braucht dafür einzig einen Internetanschluss.

Google baut den Standort Zürich massiv aus, momentan beschäftigen Sie über 300 Mitarbeitende – warum gerade Zürich?
Zürich ist ideal und garantiert hohe Lebensqualität. Und Zürich beherbergt mit der ETH eine der besten Universitäten der Welt – und wir wollen die besten Köpfe der Welt. Und natürlich liebe ich das Züri-Fäscht, an dem ich selber auch schon mehrere Male dabei war.

Publiziert am 10.11.2007 | Aktualisiert am 20.01.2012

Marissa Mayer: „Miss Google“

Ihre rasante Laufbahn lancierte die 32-jährige Amerikanerin aus Wisconsin mit einem Informatik-Studium und wollte danach Computerwissenschaften unterreichten. Stattdessen lernte sie nach einem kurzen Abstecher zur UBS nach Zürich die beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin kennen – und heuerte 1998 als Mitarbeiterin Nr.20 bei Google an.

Seither gilt die smarte Blondine mit dem rauchigen Lachen als „Miss Google“ schlechthin. In ihrem Büro laufen sämtliche Ideen rund um die Internet-Suche zusammen. „Search“ ist die Wissenschaft der Zukunft, betont sie immer wieder im Gespräch. Offiziell ist sie Produktmanagerin für die Google-Suchprodukte und Vizepräsidentin von Google.

Noch viel mehr schätzt man sie am Firmensitz als Botschafterin, die um die halbe Welt reist, um Google, seine Produkte – und seine Philosophie zu verkaufen. Ans Aufhören denkt sie nicht, obwohl sie finanziell längst ausgesorgt hat. Google sei jeden Tag von Neuem eine Herausforderung.
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Miss Google Marissa Mayer (32) ist Forschungs-Chefin des Internet-Giganten. play
Miss Google Marissa Mayer (32) ist Forschungs-Chefin des Internet-Giganten. Foto: Arsène Saheurs