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CONTRA von Silvia Aeschbach
Ich weiss durchaus, wie es sich anfühlt, morgens schlecht drauf zu sein, da ich mich meine ganze Teeniezeit aufs Muffelsein kaprizierte. So brachte ich nicht nur meine Familie um den Verstand, sondern auch sämtliche Lehrer, da ich bis elf Uhr morgens lediglich zwei Worte benutzte, nämlich «ja» und «nein».
Aber irgendwann wurde ich halbwegs erwachsen und erkannte, dass meine Umwelt meistens nichts für meine miese Laune kann. Also beschloss ich, auch mal
«vielleicht» zu sagen.
Ich begann sogar zu lächeln. Zuerst auf den Stockzähnen, aber mit der Zeit glaubte ich selber, dass ich gut drauf war. Ich würde zwar nie eine Lerche werden, aber wenigstens war ich kein Stinktier mehr. Schliesslich will ich meinen Mitmenschen morgens nicht noch mehr auf die Nerven fallen, als ich’s sonst schon tue.
Leute, die ein Laster erfolgreich besiegt haben, neigen bekanntlich zu einer gewissen Militanz. So ertrage ich es heute sehr schlecht, wenn mich am Morgen jemand anschweigt oder anhässelt. Wenn sogar ein geborener Morgenmuffel wie ich es schafft, einen anständigen Auftritt hinzulegen, erwarte ich das auch von meinem Umfeld.
Einer meiner Ex-Liebsten musste sich vom Acker machen, weil ich es nicht mehr ertrug, wie er sich jeden Morgen völlig autistisch hinter der Zeitung verschanzte und nur Grunzlaute von sich gab.
Natürlich machte ich an einem frühen Morgen Schluss mit ihm. So hatte er wenigstens einmal einen Grund, wirklich muff zu sein.
PRO von Silvan Grütter
Unter acht Stunden Schlaf geht bei mir gar nichts. Und schon gar nicht aufstehen. Was mich täglich in einen zermürbenden Konflikt mit meinem Arbeitgeber bringt. Weil wir leider komplett unterschiedliche Ansichten haben, wann ein vernünftiger Zeitpunkt zum Erscheinen im Büro wäre. Und wir immer noch keinen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss gefunden haben.
Kurzum: Ich stehe also jeden Morgen um acht Uhr früh auf. Was an und für sich ja kein Problem wäre. Wenn ich nicht jeden Abend vorher aufs Neue die Erfahrung machen würde, dass die Gespräche mit Freunden, der Rotwein und sogar das Fernsehprogramm nach Mitternacht markant besser werden.
Und das bedeutet für mich jeden Morgen: Krieg. Und ein erfolgreich geführter Krieg ist ein
logistisches Meisterwerk. Vergleichbar mit der Operation am offenen Herzen.
Für mich heisst das, dass ich auf die allerletztmögliche Minute aufstehe, meiner Frau einen Abschiedsgruss entgegenschreie, weil die Dusche bereits warm läuft und ich mich parallel dazu rasiere und mit der anderen Hand die Zähne putze. Um nur Minuten später mit einem Puls von gefühlten 280 Schlägen pro Minute an die Tramstation zu sprinten, die Hose zuzuknöpfen und zwei Zeitungen zu lesen.
Tja. Und dann bin ich irgendwann im Büro. Und jetzt die Frage: Kann es mir wirklich jemand verübeln, wenn ich jetzt vielleicht ein ganz kleines bisschen gereizt bin? wenn ich jetzt vielleicht ein ganz kleines bisschen gereizt bin?