Maja unverblümt Bierwampe, Lippenstift und eine Wohnungsbesichtigung

  • Publiziert: 03.08.2010, Aktualisiert: 02.01.2012

Maja ist auf Wohnungssuche. Bei dieser Gelegenheit, macht sie Bekannschaft mit einem Bierbauch und verliebt sich in einen Mieter der gar nicht da ist.

Nachdem ich seit Wochen mein Umfeld mit meinem Zügelwunsch zutexte, mache ich jetzt Nägel mit Köpfen. Also surfe ich nun vier mal pro Stunde auf homegate.ch. Da sind Wohnungen ausgeschrieben. Zumindest die, die nicht unter der Hand vergeben werden. Also wenige. Beziehungsweise so gut wie keine. Letzte Woche jedoch schien mir das Glück hold zu sein: Ich fand ihn. Meinen neuen Palast. 2,5-Zimmer-Dachwohnung, Holzbalken, Geschirrspüler und Badewanne. Mitten in meinem Wohnquartier. Für einen Besichtigungstermin musste ich ein Formular ausfüllen. Eine Handynummer war nicht angegeben. So was finde ich dubioser als Chiffre-Inserate im Coupé. Ich vermute stets Perverslinge dahinter. Für diese Wohnung nahm ich den potenziellen Grüsel in Kauf und füllte den Shit brav aus.

Zwei Tage später:
Vollbepackt mit Tüten, Schirm und meinem sechsjährigen Patenmädchen an der Hand stehe ich im überfüllten Tram. Es stinkt. Mein Handy klingelt. Während ich es in der Tasche suche, fällt deren Inhalt zu Boden. Damn it! Ausserdem muss mein Gottimeitli pinkeln. In der letzten Sekunde gehe ich ran. Ein Typ. Unfreundlich. Unsymphatisch. Trocken. Er gibt sich als Eigentümer der Liegenschaft aus, für die ich mich interessiere.

Einen offiziellen Besichtigungstermin gebe es nicht. Aber ich könne die Wohnung am nächsten Morgen um 10 Uhr anschauen. Exklusiv. Aha. Eben doch, ein Lustmolch.

Am nächsten Morgen:
Punkt 9.50 stehe ich vor dem Haus. Denke ich zumindest. Eine Zigi zu rauchen, traue ich mich nicht. Raucher werden meist nicht geduldet. Also stehe ich so ein bisschen blöd da und sehe Scheisse aus. Zeit zum Schminken hatte ich keine. Und nur Wimperntusche bringt nichts. Als um 10.07 Uhr keiner auftaucht, merke ich, dass ich beim falschen Haus stehe. 100 Meter weiter erblicke ich einen circa 60-jährigen Mann. Ich hetzte ich zu ihm. Sein Haar ist weiss, seine Bierwampe riesig. Er trägt Hosenträger, atmet schwer und hält sich an einer Ledermappe fest. «Sie sind z spaat», sagt er.«Und Sie sind es unlockers Arschloch», will ich sagen. Lächle aber, streckte ihm meine Hand hin und lobe die tolle Lage. Die ersten drei Stockwerke im Lift verbringen wir schweigend. «En Cheller häts nöd und im Estrich chan mer höchschtens en Koffer verstaue», mahnt Bierbauch. «Und wie gsehts mit Velo und Rollerabstellplätz us?», frage ich. Ich kann zusehen, wie sich sein Gesicht rot färbt. «Was händ Sie s Gfühl, mir sind da zmitzt i dä Stadt, wänn Sie Velocheller und Parkplätz wänd, denn chönd Sie uf s Land zieh oder 500 Stutz Mieti zahle.» Ich beschliesse, den Typen zu hassen.

Jetzt stehen wir in der Wohnung. Innert Sekunden weiss ich, dass ich hier nicht einziehen werde. Grund: Kein Platz für meinen achttürigen Kleiderschrank und offene Küche mit Dampfabzug, der Quckies auf dem Kochherd verunmöglicht. «Früehner isch sowieso niemert Velo gfahre und hüt hät jede Tubel s Gfühl, er müss es Velo haa», echauffiert sich der Alte. Will ihm mein Knie in den Schritt rammen, halte mich aber zurück und konzentriere mich auf die Einrichtung des aktuellen Mieters. XL-FLatscreen, Turnschuhe und Fertigpizza im Kühlschrank. Filmplakate an der Wand und ein «Yes, you can»-Kleber auf dem Klo. Ist mir sympathisch. «Ja also Ihre Job... dass Sie dä als Usländerin mache chönd, isch erstuunlich», stichelt Bierwampe. «Warted Sie’s ab», sage ich, «no eis, zwei Jahr und denn isch en Jugo im Bundesrat.» Ich finds lustig. Er nicht. Jetzt nehme ich mir das Schlafzimmer vor. Tiefes Bettgestell, graue Bettwäsche. Daneben liegen Comics und Papes. Bin nun in den nicht anwesenden Mieter verknallt und will ihm mit Lippenstift meine Handynummer auf den Badezimmerspiegel schreiben. «Händ Sie’s öppe gseh?», stresst Wampe. Das habe ich. Ein für allemal. Trotzdem frage ich, warum der aktuelle Mieter auszieht. «Er wird Vater». Fuck! Also Fuck zum einen – Thanks God zum andern. Dafür, dass mein roter Lippenstift in der Tasche liegt, die selig zu Hause an meiner Garderobe hängt.

play Unverblümt, direkt, abgefahren: Maja (zvr@ringier.ch).

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