Faszinierende Panorama-Bilder aus der Walliser Bergwelt Unterwegs mit den Rettern der Air Zermatt

ZERMATT - VS - Fotograf Matthias Taugwalder hängt unter einem Helikopter. Auf 3800 Meter Höhe. Um via 360-Grad-Bild zu zeigen, was die Retter der Air Zermatt täglich leisten.

  • Publiziert: 14.11.2010, Aktualisiert: 09.01.2012
  • Helmut-Maria Glogger (Text), Matthias Taugwalder (Bilder)

Ein Dienstag im späten Oktober, Zermatt. Matthias Taugwalder hängt acht Meter unter einem Rettungsheli. Auf 3800 Meter Höhe, 800 Meter über dem Boden.

Der Walliser kennt seine Berge. Zweimal bestieg er das Matterhorn – ein Berg, der zur Familie Taugwalder gehört: sein Vorfahre Peter Taugwalder und dessen Sohn waren schon bei der Erstbesteigung über den Hörnligrat am 14. Juli 1865 dabei.

Im Oktober dieses Jahr ist alles anders. Die Air Zermatt übt zwei Rettungseinsätze für die kommende Wintersaison. Einen am Berg, einen in einer Gletscherspalte.

Diesmal sollen aber keine Japaner in Not aus der Wand, der Spalte geholt werden – diesmal hängt der Fotograf Matthias Taugwalder an der Winde. Um atemberaubende 360-Grad-Panoramabilder zu schiessen. Und in der Spalte sitzt sein Kollege Nicolas Righetti, der das Making-of fotografisch dokumentiert, den Blick hinter die Kulissen einfängt.

«War schon hart für Nicolas», erinnert sich Taugwalder. «Der musste drei Stunden in der Spalte sitzen. Und wir witzelten oben rum: Ob er noch durchhält? Immerhin war die Spalte bis zu 50 Meter tief.»

Was Taugwalder und Righetti an zwei Tagen im Oktober über Zermatt machen, ist ein fotografisches Abenteuer. Zwei Monate bereiteten sie sich darauf vor. «Ohne die Hilfe von Bruno Jelk, dem Rettungschef der Air Zermatt, und Richard Lehner hätte das Projekt nie realisiert werden können.»

Das Projekt? Taugwalder wollte fotografisch zeigen, was ein Mensch wirklich sieht, der rettet oder gerettet wird. Und das aus der Fischaugen-Optik mit der neuen Panoramatechnik. Bei der aus vier Einzelbilder am Computer ein Bild entsteht. Mit 360 Grad in der Breite und 180 Grad in der Höhe.

So weit die Theorie. Die Praxis aber sieht anders aus! Taugwalder wurde aus der offenen linken Seite des Lama-Helis mit dem Rücken zum Berg abgeseilt. Bis er acht Meter unterhalb des Helis baumelte, die Kamera mit einem Einbein-Stativ vor der Brust.

Blöd nur, dass sich bei zehn Grad minus und leichter Bise der Mensch um die eigene Achse dreht. Was tun? «Ich hatte mir da so ein System konstruiert», erzählt Taugwalder. «Um die Kamera und mich ruhig zu halten, um genau an den vier Punkten, die ein solches Bild möglich machen, abzudrücken – da fixierte ich meine Geräte eben mit Schlingen um den Hals. Hat gut funktioniert!»

Man stelle sich vor: Das auf 3800 Metern Höhe. Unter den Füssen: nichts. Die Hörnlihütte als winziger Punkt weit unten. Das Klein Matterhorn, die Dufourspitze in Sichtweite, das Matterhorn fast zum Greifen nah.

Einen Tag später. Jelk, Lehner, Taugwalder und Righetti im Anflug auf eine enge Breitspalte am zwei Kilometer langen Oberen Theodulgletscher. Diesmal soll die Rettung aus einer Spalte simuliert und geübt werden. Ebenfalls festgehalten in der fotografischen Panoramatechnik. «Um mal zu zeigen, wie brutal eng, wie blau, wie rutschig eine 50 Meter tiefe Spalte wirklich ist. Um Menschen ein Gefühl zu geben, was einer wirklich sieht, der in eine Spalte gefallen ist.»

Über der Spalte stellt Jelk seine Erfindung auf: das Dreibein aus Aluminium. Anhand eines Elektrogeräts mit Akku kann er die Winde betreiben. Und so ohne Muskelkraft eine Person senkrecht nach oben befördern.

Waren die Aufnahmen unter dem Heli in zehn Minuten im Kasten, dauert es diesmal fast drei Stunden.

Erst wird Taugwalder in die Spalte abgeseilt, dann sein Kollege Righetti. Der auch hier keinerlei Angst zeigt. Und als «Model» und Dokumentarist dieses fotografischen Abenteuers auch in diesem Eispalast nicht ohne sein Blitzgerät sein kann. Um ebenfalls atemberaubende Bilder aus dieser eisigen Stille zu machen.

«Es ist eine faszinierende Welt», weiss Taugwalder. «Die Stille, ab und zu knistert das Eis. Dann dieses unwirkliche Blau, das dir zeigt, dass dieses Eis alt ist. Wer jemals in einer Spalte war, weiss, wie rutschig diese Kristalle sind.»

Selbst für Rettungsprofis wie Jelk und Lehner sind diese Aufnahmen Neuland – und eine Warnung an allzu mutige Bergsteiger.

Seit 1968 waren die Piloten und Helfer der Air Zermatt rund 100 000 Stunden in der Luft. Zurzeit beschäftigt die Air Zermatt 55 Personen: 10 Piloten, 13 Flughelfer, 12 lizenzierte Mechaniker, 12 Einsatzleiter, 6 Rettungssanitäter.

Geflogen wird heute mit 9 Helikoptern der Marken EC 135 T2, SA 315B Lama, AS350 B2 AStar und AS350 B3 AStar.

Jelk selbst hat es vom Hirtenbub zu einem der berühmtesten Bergretter der Welt gebracht. Er hat Hunderten das Leben gerettet und ist dabei immer wieder selbst in lebensgefährliche Situationen geraten. «Das Glück ist mein wichtigster Begleiter», sagt der bärtige Mann.

Die Männer von der Air Zermatt haben nicht oft professionelle Fotografen wie Matthias Taugwalder oder Nicolas Righetti an ihren Winden hängen – bei ihren jährlich bis zu 1200 Rettungseinsätzen geht es um Leben und Tod.

Und nicht um herrliche Panoramabilder einer faszinierenden Bergwelt.

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