Der Künstler wird 102 jährig Hans Ernis Atelier im 360°-Bild

LUZERN - Besuchen Sie mit unserem 360°-Panoramafoto den Luzerner Künstler Hans Erni in seinem Atelier.

  • Publiziert: 18.02.2011, Aktualisiert: 09.01.2012
  • Interview: Tamara Sedmak, Panorama-Foto: Dominik Baumann

BLICK: Herr Erni, Sie werden am Montag bewundernswerte 102 Jahre alt. Was ist Ihr Alters-Geheimnis?
Hans Erni: Sicherlich die guten Gene. Aber ich rauche und trinke auch nicht unmässig. Wenn Freunde Alkohol trinken, dann trinke ich höchstens einen Schluck mit zum Anstossen. Für ein hohes Alter braucht man auch Disziplin mit seinem Körper und Geist. Da war meine Mutter sehr vorbildlich. Eine strenge Katholikin, die acht Kinder grossgezogen hat. Ja, und meine Frau ist auch streng mit mir. Sie holt mich jeden Abend im Atelier ab, um eine Stunde mit ihr zu schwimmen. Unser Schwimmbadwasser ist ziemlich kühl. Das ist gut für die Durchblutung.

Ihre Frau Doris war 17, als Sie ihr erstmals begegnet sind. Mittlerweile sind Sie 62 Jahre verheiratet. Ihre Empfehlung für eine erfüllte Partnerschaft?
Liebe ist Verständnis, Nachgeben, Erfinden. Man soll sich nicht gleich trennen, wenn man mal anderer Meinung ist. Doris macht eine These, ich mache eine Antithese und daraus ergibt sich eine Synthese. Eine Art Dialektik, eine innere Aufbautechnik zur Überwindung aller Diskussionen.

Haben Sie nie Streit?
Nein, wir hatten und haben nie Streit. Doris ist mein Leben, ohne sie ist es sinnlos. Wir waren in 65 Jahren nur ein einziges Mal getrennt. Das war 1950, als ich eine wissenschaftliche Forschungsreise nach Mauretanien in die Sahara machte. Damals durften keine Frauen dabei sein. Wir konnten uns ein halbes Jahr lang nicht sehen. Sonst sind wir immer und überall zusammen.

Wie haben Sie Doris eigentlich kennengelernt?
Sie war Schülerin an der Handelsschule und hat einen Vortrag über mich gehalten. Sie erkannte meine Welt. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Seither sorgt sie für mich.

Verwaltet Sie auch Ihr Geld?
Ja, auch mit ihren 83 Jahren hat sie noch immer alles im Griff. Wenn ich reise, habe ich keinen Rappen im Sack. Ums Geld kümmert sich allein meine Frau. Ich kann auch nicht sagen, wie viel meine Werke kosten. Was sie wert sind. Das weiss nur sie. Mich interessiert das nicht.

Wie wichtig ist eigentlich Erotik im fortgeschrittenen Alter?
Erotik ist eine Selbstverständlichkeit in jeder echten Beziehung. Sie ist der Grund für unser langes Zusammensein. Wenn das Ziel aber nur der Höhepunkt ist, dann macht man einen grossen Fehler. Heute trennen sich so viele Paare, weil sie Eros nur mit Sex verbinden.

Wären Sie nicht gerne wieder jung?
Doch, es wäre wunderschön, alles nochmals neu erleben zu dürfen. Und das auf einer anderen Grundlage. Ich habe zwei Weltkriege erlebt. Doch die Menschen bekriegen sich immer noch. Auch heute ist der Drang nach Freiheit ungebändigt.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Schweiz heute?
Gottlob ist die Schweiz frei. Die Afrikaner, ja die ganze Welt drängt in unser Land. Aber diese Menschen vergessen, dass die Schweiz sehr viel dafür getan hat, damit wir ein ausgeglichenes Leben führen dürfen. Wir waren kaum feindlich berührt und wollten keine Veränderungen unserer Grenzen. Diese Selbstgenügsamkeit gefällt mir. Und was mir auch gefällt: Die Schweiz denkt vorwärts. Ja, ich bin stolz, ein Eidgenosse zu sein.

Obwohl Sie hier lange Zeit als Persona non grata galten und wegen Ihrer kommunistischen Einstellung als Landesverräter beschimpft wurden?
Ja, trotzdem. Zum Glück habe ich die 20 für mich harten Jahre überwunden. Ich war natürlich nie ein Landesverräter. Man sagte mir damals oft, ich würde als Erster erschossen bei einer deutschen Invasion. Paradoxerweise verkauften sich meine Werke zu dieser Zeit an Ausstellungen in Amerika. In der welschen Schweiz wurde ich nicht in gleicher Weise boykottiert und konnte dort auch ausstellen.

Wie oft malen Sie heute eigentlich noch?
Ich stehe um 7 Uhr auf, frühstücke bis etwa 8 Uhr, trinke zwei Milchkaffee. Ich liebe Milch. Bis zum Zmittag male ich im Atelier ganz ungestört. Danach mache ich eine Ruhepause und lese die Tageszeitungen. Zu Abend essen Doris und ich jeweils in der Bibliothek. Dann arbeite ich nochmals und lese. Um Mitternacht gehe ich ins Bett. So ist meine Arbeitszeit mehr oder weniger geregelt.

Warum tun Sie sich diese Arbeit noch an?
Malen ist doch keine Arbeit! Malen ist für mich die Erfüllung des Lebens. Und viele Aufgaben warten noch auf mich.

Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?
Ich lade am Samstag 170 Freunde und Bekannte zur Vernissage in mein Museum ein. Das wird mein Fest. Nicht mein Geburtstag am Montag ist eine Ehre, sondern dass ich meine Werke ausstellen und mein neues Buch «Les affiches – Plakate» vorstellen kann. Das ist meine Genugtuung. Und darauf werde ich mit meinen Freunden anstossen.

Ihr grösster Wunsch?
Dass sich meine Begabung weiter verändert und ich weiterhin malen kann.

Letzte Frage: Ist das Alter Hölle oder Paradies?
Ich würde nie klagen über das Alter. Auch nicht, wenn ich mal starke Schmerzen habe. Die sogenannte Hölle wäre es, wenn ich jemandem zur Last fallen würde. Doch für mich ist das Alter zum Glück momentan noch ein Paradies. Der Blick auf meinen selbstgepflanzten Wald und den Pilatus gibt mir Kraft und erfreut mich jeden Morgen.

Ein politischer Künstler

Hans Erni ist einer der bedeutendsten Maler, Grafiker und Bildhauer. Er gestaltete zahlreiche Lithografien und Wandbilder, beispielsweise für das Schweizerische Rote Kreuz, die Uno und die Unesco. Und er entwarf rund 90 Briefmarken.

Obwohl Hans Erni nie einer Partei angehörte, stand er im Ruf, Kommunist zu sein und wurde geächtet. Alt Bundesrat Philipp Etter untersagte ihm 1951 sogar die Teilnahme an der Biennale São Paulo. Erst in den 60er-Jahren begann Ernis Rehabilitierung.

Erni war stets ein politischer Künstler, der Abstimmungskampagnen (etwa für die AHV oder das Frauenstimmrecht) bildlich umsetzte. Kurz vor seinem 100. Geburtstag wurde Erni mit dem Schweizer Lifetime Award 2008 ausgezeichnet.

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