Modrow 105 Noch einmal Liebe

  • Publiziert: 03.06.2006, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Peter Exinger

Gaby und Modrow sind sich sehr ähnlich. Und immer anschmiegsam. Na ja, fast immer.

Das war vielleicht wieder eine Nacht! Mein Bewusstsein ruhte im Schlaf unter unzähligen Schleiern von Unterbewusstem und Unterunterbewusstem, schwamm leicht in Wärme, Wonne, Wohlgefühl. Doch plötzlich rührte sich etwas am alleruntersten Rand meiner Aufmerksamkeit: eine klitzekleine Irritation. War da nicht eben so ein kleiner, spitzer Schmerz? Behände schlängelt sich mein Bewusstsein schwerelos durch all die Schlafschleier. Taucht auf, der dunklen Nacht entgegen. Was ist das für ein spitzes Ding, das mich da piekt? Verdammt, jetzt bin ich wach!

Und merke: Modrow, meine liebe schwarze Katze, ist eben dabei, sich in meinen Unterschenkel zu verkrallen, mich mit ihren kleinen spitzen Beisserchen zu traktieren.

«Verdammt!» – Ich greife unter die Decke, schnappe mein Lieblingskätzchen am Kragen … und werfe sie aus meinem Bett. So!

Zwei Sekunden später landet ein schwarzer grosser Schatten lautlos neben mir, schlüpft unter die Decke, kriecht zu meinem Unterschenkel, krallt ihn sich. Diesmal richtig.

«Also jetzt reicht es echt, Modrow!»

In einem Riesenbogen fliegt meine Katze samt Decke aus dem Bett. So. Die Katze kreischt und sucht das Weite.

Das wäre erledigt. Frieden wieder hergestellt. Meine Nachtruhe bleibt ungetrübt. Dann reisst mich Gaby aus dem Schlaf. Und fragt:

«Wo ist Modrow?»
«Die hat mich heute Nacht angefallen.»
«Das ist keine Antwort auf meine Frage.»
«Bitte! Gaby.»
«Nichts mit ‹Bitte! Gaby.› Du schaust jetzt sofort, wo sie ist.»

Also trolle ich mich aus dem Schlafzimmer. Manchmal ist es ein wenig anstrengend, Gaby zu lieben.

Modrow wartet schon auf mich. Im Badezimmer. Sie schnurrt und weicht mir nicht von der Seite. Nach der Dusche kann ich mich nicht mal abtrocknen, ohne über sie zu stolpern. Von ungestörtem Anziehen kann diesen Morgen nicht die Rede sein. Die Zähne putz ich mir, während Modrows Schweif über mein Gesicht streicht. Beim Rasieren bekommt meine liebesbedürftige Katze einige Schaumflocken ab. Sie schnurrt ununterbrochen und heischt nach Aufmerksamkeit, einem Streicheln, lieben Worten, Zuwendung.

Was ist nur los mit ihr? Hat sie etwa Gewissensbisse wegen ihres Überfalls auf mich mitten in der Nacht? Ist sie jetzt lieb, weil sie vorher böse war? Macht sie es wie Gaby? Die weiss nämlich auch immer genau, wann sie ein schlechtes Gewissen haben muss.

«Ah, da sind ja meine beiden Liebsten.» Gaby hat uns im Badezimmer entdeckt. «Meine beiden Liebsten auf einem Fleck!»

Hab ich nicht Recht?!

Brief an Modrow

Salut Modrow
Dein Kunststück mit dem Stola-Modus finde ich super mäusisch! Meine Menschen haben mich noch nie um ihren Hals gewickelt – mein Bauch würde wohl stören. Das kommt von den braunen Kügeli («senior 7+, with chicken»), die ich am liebsten fresse. Meine Lieblingsposition ist die Kringelstellung auf dem roten Daunenkissen. Besonders schmuck wirkts, wenn ich meinen Waschbärschwanz effektvoll ums Hinterbein drapiere, dann sind meine Menschen jeweils ganz begeistert («soo schnüüüsig»). Eigentlich habe ich ein wunderbares Leben. Jeden Abend gibt’s ein Stücklein Fisch; ich merke immer erst hinterher, dass es ein fieser Trick ist, mich für die Nacht in den Keller zu locken. Abgesehen vom bisher schlimmsten Erlebnis – ich raste mit der klebrigen Fliegenfalle «Die Manschette» im Pelz wie eine Verrückte durch die Gegend – hab ich’s wirklich gut und geniesse einen ruhigen Lebensherbst.
Machs gut!
Mit pfötelndem Gruss
Sophie, Vreni und Han Kruysse, Uebeschi BE

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