Modrow 101 Modrow und Minkie

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Peter Exinger

Worüber unterhalten sich Menschen? Am liebsten über Katzen. Zum Beispiel hinter mir im Bus.

«Meine ist rot und weiss. Hat aber so ein verwaschenes Rot. Ist noch ziemlich klein.»
«Darf sie raus?»
«Sie ist natürlich jeden Tag draussen.»
«Ich glaube, die habe ich am Samstag wieder gesehen.»
«Wo?»
«Sie hat mit einer anderen Katze herumgemacht.»
«Minkie? Das kann ich mir nicht vorstellen. Die ist nämlich ein Schisshaas.»
«Ich bin mir sicher, sie wars. Oder hat sie kurzes Fell?»
«Nein, Minkie ist flauschig und hat eine rosa Nase. Na, jedenfalls würde sie nie mit anderen Katzen herumspazieren, weil sie nämlich immer Angst vor ihnen hat.»
«Es war Minkie. Diese rosa Nase. Ganz sicher: Es war Ihre Minkie.»
«Glauben Sie wirklich?»
«Ja, ganz bestimmt. Sie ist mit dem schwarzen Kater herumgezogen, der dieses rote Halsband trägt. Der ist nicht viel grösser als Minkie.»

Ich stutze.

«Ja, den kenne ich. Der kann so einen schönen runden Buckel machen und dabei den Schwanz auffluffen.»

Die beiden Damen hinter mir reden von Modrow. Da bin ich ganz sicher.

Aber:
1. Ist Modrow eine Katzendame.
2. Verlustiert sich Modrow nicht mit rothaarigen Minkies.
Und 3. … ja, was drittens?!

«Die zwei waren sehr lieb. Sie schmusten richtig miteinander.»
«Minkie mit dem schwarzen Kater? Hätte ich nie gedacht.»
Das kann nicht sein – denke ich, Modrow schmust doch nicht mit Minkies!
«Ihre rot-weisse Minkie und dieser schwarze Kater passen gut zusammen. Darf Minkie nicht mal Kätzchen kriegen?»
«Ja, möglich. Aber ich weiss nicht, ob das so gut ist. Wenn die Kätzchen dann da sind, wollen die Kinder sicher eines behalten. Und eigentlich haben mein Mann und ich beschlossen: Ein Haustier reicht.»
«Ich würde eins nehmen wollen.»
«Sicher?»
«Ja. Ich liebe Minkie. Und dieser schwarze Kater gurrt genauso intensiv wie Ihre Minkie.»
«Das geht nicht.»
«Doch, doch.»
«Katzen gurren nur so, wenn sie rollig sind.»
«Und? Das heisst?»
«Wenn der Kater so gurrt, dann ist es kein Kater, sondern eine Katze.»
«Und ich dachte mir, das ist der schönste Kater der Welt, weil der so zart gebaut ist!»

Die Damen reden wirklich von Modrow.
«Und die beiden …»
«… können keine Kinder miteinander bekommen», unterbreche ich und drehe mich zu den beiden um.
Die gucken überrascht.
«Sie reden über Modrow. Meine schwarze, kleine Katze, Modrow, die mit dem rotem Halsband: Sie ist eine Katzendame! Kein Kater! Aber dass sie sich tatsächlich mit Ihrer Minkie herumtreibt, wundert mich.»

«Wieso? Minkie ist eine ganz Liebe.»
«Minkie ist sowieso die Hübscheste.»
Na ja, ich musste ohnehin aussteigen. Habe mich höflich von den beiden Damen verabschiedet. Und Gaby nichts davon erzählt.
Aber Modrow: Die habe ich am nächsten Abend unter vier Augen gefragt, ob sie eine Minkie kennt.
Modrow hat nichts gesagt. Gar nichts. Nicht einen Maunz.
Aha, so ist das also!

Brief an Modrow

Liebe Modrow
Ich heisse Sancho und habe die gleichen Augen und das gleiche Fell wie du. Geboren wurde ich unerwünscht und unehelich. Meine Mutter bat hochschwanger in einem fremden Haus um Einlass. Sie hatte mehr Glück als Maria und wurde eingelassen. In der darauf folgenden Nacht hat sie mich mit drei Geschwistern auf dem Sofa geboren (das Möbel musste anschliessend liquidiert werden). Ich zügelte ins Appenzellerland. Da wohnte auch ein schwarzer Königspudel namens Simon. Er war in grosser Trauer, weil eben seine Lebensabschnittspartnerin gestorben war. Ich war dazu auserwählt, wieder ein bisschen Freude in sein Leben zu bringen. Er war ein gefährlicher Katzenjäger. Man brachte ihm aber unmissverständlich bei, dass ich zur Familie gehöre. Er begriff schnell und dann ging was ab. Wir spielten den ganzen Tag Verstecken und Fangen, Treppe rauf und runter. Das dauerte etwa einen Monat und dann war alles auf einen Schlag vorbei, er hatte die Trauerarbeit beendet und ich interessierte ihn einfach nicht mehr (nie mehr)! Nun war ich gross genug, um nach draussen zu gehen. Fast jede Nacht war ich unterwegs. Manchmal nahm ich eine Freundin mit nach Hause für ein Picknick. Simon liess es geschehen. Mein Frauchen hingegen hat das nie ganz verstanden ...
Ich grüsse Dich von Herzen
Sancho vom Riemen
(Erika und Robert Ott/Grub AR)
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