Modrow 99 Arbeitslose Katze

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Peter Exinger

Jeder braucht in seinem Leben eine Aufgabe. Auch Katzen haben einen Job – und können ihn verlieren.

Katzen geht es immer besser als Menschen. Während wir uns mit der Unbill des Lebens herumschlagen müssen, dürfen sie unbehelligt durch ihre Reviere streichen. Scheint die Sonne warm nach einem langen Winter, können sie jeden Augenblick zu Stunden dehnen. Und wenn es ihnen dann draussen doch noch zu kalt ist, legen sie eine Pfote über ihre kleine Schnauze und schlummern in der warmen Stube dem Abend entgegen.

Katzen geht es immer besser als Menschen. Oder haben sie je eine arbeitslose Katze gesehen?

«Ja, was heisst schon arbeitslos bei einer Katze?» fragt Gaby.

«Arbeitslos bei einer Katze heisst, dass niemand sich um sie kümmert, ihr niemand zu fressen gibt, sie niemand streichelt.»

So ein Schicksal kann Katzen kaum je widerfahren, haben Katzen doch hinreissende Augen, ein rosa Mäulchen und ein Fell zum Streicheln. Aber das Schicksal ist manchmal launisch und kann dafür sorgen, dass Katzen aus allen sozialen Netzen fallen.

Und für solche Fälle gibt es dann Arbeitsämter – für Katzen! Wir haben ihnen bloss einen anderen Namen gegeben: Tierheime. Dort werden herren- und damenlose Katzen tierärztlich versorgt und mit Futter verwöhnt; ein warmer Schlafplatz steht ihnen auch zur Verfügung. «Sogar gestreichelt werden sie», stellt Gaby fest, «ohne Rücksicht auf Talent, Ausbildung und Rasse. Herzerwärmend menschlich, eigentlich.» Einschlägig ausgebildete Menschen suchen – ohne von den Katzen Vorleistungen zu erwarten – sogar eine neue Arbeitsstelle für sie: einen Schlaf- und Fressplatz bei einem Menschen, der Katzen liebt.

Modrow hüpft auf meinen Schoss, schmiegt sich an meine Brust, schnurrt zufrieden, blickt zu mir hoch, legt ihre rechte Pfote an mein Kinn, streckt sich und stupst schliesslich mit ihrer kleinen, feuchten Nase an meine Brille. Wenn das kein Liebesbeweis ist …

Zumindest Modrow dürfte in nächster Zeit kaum Gefahr laufen, ihren Job zu verlieren. Sie macht ihn schliesslich sehr gut. Denn schon trappelt sie zu Gaby, schmiegt sich an sie und lässt sich von ihr streicheln. Es hat ganz den Anschein, als nehme unsere Katze ihren Beruf sehr ernst.

Katzen geht es immer besser als Menschen. Und Modrow besser als manch anderer Katze. Sie wird ihren Job so schnell nicht verlieren.

Brief an Modrow

Liebe Modrow
Ich habe keinen Namen. Man nennt mich einfach «Schlosskater», weil ich in einem alten Schloss lebe. Ich weiss nicht, wie alt ich bin, noch woher und wann ich gekommen bin. Schon seit Jahren lebe ich hier in Ljubljana. Meistens halte ich mich in grossen Innenhof auf, sitze in der Sonne und beobachte Menschen, die das Schloss besichtigen. Niemand kümmert sich um mich, es streichelt mich keiner. Ich bin schon sehr alt, meine Stimme ist kein Miauen mehr, nur noch ein tonloses Seufzen. Die Leute, die vorbeikommen, geben mir manchmal was, einmal habe ich sogar ein Stückchen Salami bekommen; nur der Junge vom Würstelstand bringt mir regelmässig was zu essen. Vögel jage ich nicht, weil die sind klein und schutzbedürftig. Es passiert sehr selten, dass kleine Kinder versuchen, mich mit Ruten zu verjagen, sie werden aber dann sofort von ihren Eltern zurückgerufen. Ich muss dir sagen, dass ich mit meinem Leben sehr zufrieden bin: Ich habe alles, was ich brauche und bin glücklich darüber, dass ich Streicheleien nie kennen gelernt habe. Sonst würde ich sie jetzt wahrscheinlich sehr vermissen. Wenn du einmal als Touristin nach Ljubljana kommst, dann musst du mich auf dem Schloss besuchen.
Dein Schlosskater
(Franziska Jung/Thalwil ZH)
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