Wenn es wehtut Schmerz, hau ab!

Der Schmerz ist ein ungelöstes Rätsel der Medizin. Der Arzt und Journalist Harro Albrecht geht in seinem neuen Buch auf Spurensuche.

Was sind chronische Schmerzen und wie kann man damit umgehen? play

Rücken- und andere Schmerzen hinterlassen im Gehirn Spuren.

Thinkstock
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Gesundheit

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Von Kindesbeinen an bis zum Tod warnt uns der Schmerz vor Gefahren. Kommt aber Schmerz auf, sei es in der Freizeit, beim Sport oder am Arbeitsplatz – das Schmerzmittel liegt schnell griffbereit. Der Mediziner Harro Albrecht (56) hat darüber ein umfassendes Buch mit dem Titel «Schmerz – eine Befreiungs­geschichte» geschrieben. Er ist seit 20 Jahren Wissenschaftsjournalist und selbst Schmerzexperte. Wegen eines Herzklappenfehlers wurde er mehrmals am offenen Herzen operiert.

Albrecht sucht in seiner Analyse nach Antworten zum Volksleiden Schmerz. Woran liegt es, dass so viele Patienten mit chronischen Schmerzen von Arzt zu Arzt ziehen und keine dauerhafte Linderung ­erfahren? Er wundert sich über ­Marathonläufer, die sich mit rezept­freien Schmerzmitteln vollpumpen, als Vorbeugung gegen Muskel- und Gelenkschmerzen – obwohl Ärzte warnen, dass schon nach dem vierten Tag gängige Schmerzmittel gesundheitsgefährdend sind.

Ist es der Preis, der diese Mittel verharmlost? «Eine Packung Paracetamol ist so billig wie etwa zwei Mohnbrötchen», schreibt Albrecht. Diese weit verbreitete Symptombekämpfung in der Medizin, die nicht nach Ursachen des Schmerzes sucht, ist fragwürdig, zumal der Verbrauch von Schmerzmedikamenten rekordverdächtig hoch ist.

Die Entwicklung der Schmerzmedizin liest sich wie ein Krimi

Schmerzmittel werden zunehmend auch bei Geburten verlangt. Rund ein Drittel aller Mütter lässt sich eine Periduralanästhesie (PDA) setzen. Die Wirbelsäule wird durch die Spritze betäubt, damit die Mutter vom Schmerz der Geburt kaum etwas mitbekommt. Am 7. April 1847 brachte die Amerikanerin Fanny Appleton Longfellow ihr Kind unter Äthernarkose zur Welt – damals in Medizinerkreisen eine Sensation. Nach dem Äther experimentierten die Ärzte weiter mit Chloroform, doch zu viele Neugeborene mussten sterben.

Albrechts Report über die Entwicklung der Schmerzmedizin liest sich wie ein Wissenschaftskrimi. Mit dem Fortschritt der Medizin stieg auch das Verlangen der Menschen, Schmerzen bei Bedarf einfach auszuknipsen.

Was durchaus sinnvoll ist. Denn durch Schmerz entstehen neue Nervenfasern, die das weitere Schmerzempfinden für das ganze Leben prägen. Der Schmerz wird so oft auch chronisch. Beispiel Frühgeborene: Sie müssen sich bis zu hundertsechzig Mal pro Woche in Armbeuge oder Ferse für die Blutabnahme stechen lassen. Ihre Verletzungen wirken sich noch Jahre später aus und bewirken mitunter gar Veränderungen am Erbgut. Frühgeborene sind als Kinder unempfindlicher, als Erwachsene reagieren sie sensibler auf Schmerz. Dasselbe gilt für Buben, die bei der Beschneidung keine betäubende Salbe bekommen.

Unbestritten ist, dass intensive Schmerzen das Nervensystem verändern und im Schmerzgedächtnis abgespeichert werden. So bauen etwa die Schmerzen bei einem Bandscheibenvorfall die Gehirnarchitektur von Rückenpatienten dauerhaft um. Nach sechs Monaten werden die Schmerzen chronisch. Statistisch gesehen ist nach fünf Jahren ein Drittel der Rückenpatienten immer noch nicht schmerzfrei.

Eine lustvolle, freiwillige Suche nach Schmerz

Der Autor beschreibt auch Widersinniges: «Jugendliche lassen sich Metallringe durch Nasen, Lippen und Geschlechtsteile ziehen.» Eine ganze Generation hält nahezu geschlossen den Schmerz für Tätowierungen auf allen möglichen Körperstellen aus, ohne zu murren. Oder die erfolgreiche Romantrilogie «Fifty Shades of Grey», die bei Frauen und Männern die Fantasie anregt – vom Schmerz zur sexuellen Lust.

«Müsste ein Leben ohne Schmerz nicht himmlisch sein?», fragte sich Harro Albrecht. Um eine Antwort zu finden, reiste er nach Israel. In Be’er Scheva, am Rande der Wüste Sinai, leben Kinder mit einem Gendefekt, einer angeborenen Unempfindlichkeit gegen Schmerz. Die Krankheit heisst «Congenital Insensitivity to Pain». Die Kleinen verunfallen ständig – bis die meisten im Rollstuhl landen. Bilanz: Den Kindern fehlt der Schmerz als Lehrmeister des Lebens. Leider.

Harro Albrecht, «Schmerz – Eine Befreiungsgeschichte», Pattloch, 608 Seiten

Chronische Schmerzen

Was sind chronische Schmerzen?

Der Schmerz wird zu einer Krankheit, wenn das zentrale oder das periphere Nervensystem gestört wird. Der chronische Schmerz unterscheidet sich vom Akuten indem er seine eigentliche Warnfunktion verliert. Der akute Schmerz deutet auf eine Verletzung oder Krankheit hin und hilft die Symptome zu erkennen und diese zu bekämpfen. Bei chronischen Schmerzen senden die Nervenzellen Impulse an das Gehirn, auch wenn kein Schmerzreiz mehr vorhanden ist.

Ab wann kann man von chronischen Schmerzen sprechen?

Der chronische Schmerz wird zur Krankheit, wenn die Schmerzen länger als drei bis sechs Monate andauern. Zu den häufigsten Formen gehören Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, rheumatische Schmerzen  oder neuropathische Schmerzen. Die häufigsten Ursachen chronischen Schmerzes sind Erkrankungen wie Arthrose, Bandscheibenvorfälle, Migräne oder rheumatoide Arthritis.

Behandlung von chronischen Schmerzen

Immer mehr Menschen greifen bei chronischen Schmerzen zu Schmerzmitteln, doch diese haben schwere Nebenwirkungen und helfen nicht immer. Es gibt viele alternative Behandlungen, welche von Neurobiologen, Psychologen und Soziologen vertreten sind und einen neuen Blick auf das Phänomen Schmerz erlauben. Die moderne ganzheitliche Schmerztherapie behandelt sowohl die körperlichen als auch psychischen Aspekte.

 

Publiziert am 28.07.2015 | Aktualisiert am 24.10.2016
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Wenn es wehtut: Beste Hilfe

Das Zentrum für Schmerz­medizin in Nottwil LU bietet die höchste Versorgungsstufe für die Behandlung von ­Schmerzen nach internationalen Kriterien. Ein rund 50-köpfiges Team setzt sich in einer Spezial­abteilung des Schweizer Paraplegiker-Zentrums für Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen aller Arten ein. Ihr Credo: die Zusammenarbeit von elf Fach­disziplinen in der ­Diagnose und ­Therapie statt einer ­punktuellen Symptombekämpfung. Von der psychiatrischen Abklärung bis zur neurochirurgischen Operation bietet die Abteilung alle derzeit in der klassischen Schmerzmedizin verfügbaren Diagnose- und Behandlungsmethoden an. Grundsätzlich kann sich jeder Patient selbst direkt in Nottwil anmelden (www.schmerz-nottwil.ch). Ein Kontakt über den Hausarzt erleichtert jedoch die Vorabklärungen. Die Kosten? Das Zentrum erbringt nur Leistungen, die durch die Grundversicherung abgedeckt sind.