Umstrittener Schnitt Wie geplant darf die Geburt sein?

Vor 515 Jahren glückte dem Schweizer Jacob Nufer der erste Kaiserschnitt, bei dem Mutter und Kind überlebten. Heute entscheiden sich immer mehr Frauen für diese Art der Entbindung. Gleichzeitig war sie noch nie so umstritten.

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Pressen oder schneiden? Die Wahl der Geburtsmethode polarisiert.

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Gesundheit

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Séverine Bonini (38) will nicht feige sein. Und schon gar nicht auf das Erlebnis einer natürlichen Geburt verzichten – nur ein paar läppischer Schmerzen wegen. Für sie ist klar: Ihr erstes Kind soll mit einer Spontangeburt auf die Welt kommen.

Doch es kommt anders. Eine Woche nach dem errechneten Geburtstermin leitet der Arzt die Wehen ein. Die kommen nicht. Dafür heftige Krämpfe. Als zehn Stunden später das CTG-Gerät anzeigt, dass die Herzfrequenz des Kindes einbricht, kommt Hektik auf. «Es geht um Leben und Tod», realisiert Bonini. Die Medienmanagerin findet sich im Operationssaal wieder. Zehn Minuten später setzt der Arzt den befreienden Schnitt. Sie hat Todesangst um ihr Kind, bis man ihr ein kleines Mädchen – gesund, rosa und zufrieden – auf die Brust legt.

Der Kaiserschnitt rettet Leben. Seit Jahrhunderten schon. Sein Geburtshelfer war der Schweizer Jacob Nufer (siehe Box). Der Thurgauer Schweinekastrierer rettete seiner Frau und seinem ersten Kind mit einer spektakulären Notoperation das Leben. Das war vor 515 Jahren. Eine mutige Tat. Und eine Ausnahme. «Im Regelfall wartete man damals, bis Mutter oder Kind gestorben waren, bevor man eingriff», sagt Hubert Steinke, Professor am Institut für Medizingeschichte in Bern. «Es war eine zu risikobehaftete Operation.»

Erst ab 1850 erhöht sich die Überlebenschance bei Kaiserschnittgeburten. Auch dank neuer Hygienevorschriften, einer verbesserten Ausbildung der Ärzte, neuer Nähmaterialien und der Anwendung von Äther als Narkosemittel. Bereits ab 1880 zählte man in Deutschland nur noch fünf Todesfälle bei hundert Operationen.

Heute spaltet der Kaiserschnitt die Meinungen. Ist ein Notfallkaiserschnitt längst akzeptiert, gehen beim Wunschkaiserschnitt die Emotionen hoch. Kaum eine Frage um das Gebären teilt die Gesellschaft mehr. Zu teuer, zu häufig, zu unnütz – heisst es von Kritikern. Madonna, Angelina Jolie und Nicole Kidman sollen ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt gebracht haben. Ebenso die Topmodels Miranda Kerr und Alessandra ­Ambrosio – Wochen vor dem errechneten Geburtstermin, damit der Bauch nicht ausser Form kommt. «Too posh to push» (zu schick zum Pressen) spotteten die Medien.

Kindstod-Risiko bei natürlicher Geburt ist doppelt so hoch

Mindestens 20 Prozent mehr, mitunter das Doppelte, kostet eine Schnittentbindung im Vergleich zur Spontangeburt (6000 gegenüber 4800 Franken im Kanton ­Zürich). Die Krankenkassen bezahlen beides, da man kaum beweisen kann, ob ein Kaiserschnitt medizinisch notwendig ist oder nicht.

Frauen geraten heute denn auch schnell unter Beschuss, wenn sie sich für einen Kaiserschnitt entscheiden. Séverine Bonini machte diese Erfahrungen. Bei der zweiten Geburt hatte sie sich für einen geplanten Kaiserschnitt entschieden. Zwar wäre eine natürliche Geburt möglich gewesen – der Arzt hatte grünes Licht gegeben. Kurz vor dem Geburtstermin beschlich sie ein dumpfes Bangen. Angst. Und die ging nicht mehr weg.

Erinnerungen an Schicksalsschläge, die sie kurz zuvor erlitten hatte, kamen hoch: zwei Fehlgeburten. Eine in der siebten, eine in der zwölften Woche. Beide Male hörte das Herz des Embryos auf zu schlagen. Grund unbekannt. Sie fragte sich, ob alles gut gehen würde. «Die Operation gab mir die Sicherheit, dass dem Baby nichts passiert», sagt Bonini rückblickend. «Und im ­Gegensatz zur ersten ­Geburt war ich völlig entspannt und gelöst – weil ich wusste, was kommt.»

Es kamen auch viele unerwartete Reaktionen: «In meinem Umfeld verstanden einige den Entscheid nicht.» Als sie ihre Wunschkaiserschnitt-Geschichte gar auf ihrem Blogg publizierte (mama-on-the-rocks.blogspot.ch), brach eine Mail­flut über sie herein. Der Ton war nicht nur freundlich. Dabei ist der Entscheid durchaus nachvollziehbar. Beim geplanten Kaiserschnitt liegt der Anteil der kindlichen Todesfälle bei 0,8 Promille. Das Risiko bei einer natürlichen Geburt ist rund doppelt so hoch: 1,5 Promille.

Ein Kaiserschnitt gilt als Standardeingriff: Eine Teil- oder Vollnarkose, ein Schnittoberhalb des Schambeins, zunähen – fertig. Rund eine halbe Stunde dauert die Prozedur. Keine drohende Zangengeburt, kein Einsatz mit der Saugglocke, wie bei rund zehn Prozent aller Spontangeburten. Allerdings leiden Kaiserschnitt-Kinder häufiger unter Atmungsproblemen nach der Geburt. Auch scheinen sie gemäss Studien anfälliger für Allergien.

Frauen diskutieren offener über mögliche Langzeitfolgen

Gynäkologe Michael Singer sagt: «Heute gewichten Frauen die ­Nachteile einer natürlichen Geburt höher.» Er hat seine Praxis an der Zürcher Goldküste und verfolgt seit über 20 Jahren die Nöte und Ängste jener Frauen, für die Geld oft keine Rolle spielt. «Gerade einmal ein Prozent der Frauen, die zu mir kommen, wählen einen Kaiserschnitt, weil er einfacher ist», sagt Singer. «Die meisten entscheiden sich aus nachvollziehbaren Gründen dafür.» Dazu gehört Angst. Angst vor ­Inkontinenz nach der Geburt, vor Probleme mit dem Beckenboden, den Problemen beim Sex. Themen, die man früher totschwieg. Heute sprechen Frauen offener darüber, im Freundeskreis, in den sozialen Medien. Auch über negative Geburtserlebnisse, über Langzeitfolgen – im schlimmsten Fall ohne Möglichkeit auf Heilung.

1998 kamen in der Schweiz 23 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt, heute sind es 33 Prozent. Die regionalen Unterschiede sind gross. Liegt der Anteil im Kanton Jura mit 19 Prozent am tiefsten, ist er in den Kantonen Zürich und Zug mit 36 und 41 Prozent am höchsten. Zahlen, die den Hebammenverband alarmieren. «Heute ist der Kaiserschnitt Routine», sagt Barbara Stocker, Präsidentin des Hebammenverbandes. «Viel zu häufig werden Schwangere von ­ihren Gynäkologen beeinflusst.»

In der Tat war es in den 1990er-Jahren ein Qualitätsmerkmal eines Spitals, wenn es möglichst wenig Kaiserschnitte vorweisen konnte. Und heute? «Heute gilt als gut, wer die Frauen vor der Geburt am besten selektiert», sagt Gabriella Stocker, stellvertretende Chefärztin an der Frauenklinik Triemli in Zürich. «Schwangere, bei denen ein höheres Risiko besteht, werden schneller operiert. Dazu gehören Frauen, die einen Gebärmuttereingriff ­hatten sowie Frauen mit Zwillingen und Steisslagen.»

Stocker arbeitet seit zehn Jahren für das Triemli. Es unterstützt bewusst natürliches Gebären. Dennoch wird in 80 Prozent der Fälle in irgendeiner Form eingegriffen, und sei es nur mit wehenunterstützenden Mitteln. «Eigentlich sollte es umgekehrt sein», sagt Stocker, selbst Mutter von drei Kindern. Sie brachte alle auf natürlichem Weg zur Welt. Aus Sicherheitsgründen werde heute häufiger zur Technik gegriffen. Auch zum Schutz der Ärzte. «Die Angst vor Klagen nimmt zu», sagt Stocker. «Treten bei der Geburt Probleme auf, ist man als Arzt ­geschützt, wenn man einen Kaiserschnitt macht. Sollte hingegen bei einer geburtshilflichen Intervention etwas schiefgehen, bewegt man sich juristisch auf dünnem Eis.»

Jede Frau soll entscheiden, was für sie richtig ist

Céline Lorenz (36) entschied sich bewusst gegen einen Kaiserschnitt. «Das wäre für mich nicht in Frage gekommen», sagt sie. «Es ist schade, dass so viele Frauen Angst vor einer natürlichen Geburt haben und den Kaiserschnitt aus Bequemlichkeit machen lassen – zumal er sich traumatisierend auf ein Kind auswirken kann.» Sie setzte sich intensiv mit dem Thema auseinander, entschied sich für ganzheitliche Geburtsvorbereitung – und hatte «zwei Traumgeburten». Spontane Wassergeburten ohne Schmerzmittel.

Séverine Bonini und Céline Lorenz – zwei Frauen, zwei Wege. Einig sind sich beide Mütter nur in einem: Frauen sollten in dieser Frage die Meinung anderer respektieren. Jede darf selbst entscheiden, welcher Weg richtig ist für sie und ihr Kind. Ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Publiziert am 05.10.2015 | Aktualisiert am 05.10.2015
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Die Arbeit der Chirurgen wird immer filigraner. play
In der Schweiz wird jedes dritte Baby per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Thinkstock
  Annette Boutellier

Kaiserschnittgeburt

Séverine Bonini (38), Medienmanagerin, Erlinsbach AG, eine Tochter 5,5 Jahre, ein Sohn 16 Monate

«Meine erste Geburt sollte eine Spontangeburt werden. Es kam anders. Ein Notfallkaiserschnitt rettete meiner Tochter das Leben. Ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob ich etwas verpasst habe. Doch das sind dumme Gedanken. Das Wichtigste war, mein Kind zu retten. Bei der zweiten Geburt entschied ich mich für einen geplanten Kaiserschnitt. Ich hatte Angst um meinen Sohn und wollte den für ihn sichersten Weg wählen. Mit dem geplanten Kaiserschnitt konnte ich sicher sein, dass dem Baby nichts passiert. Die Kaiserschnitt-Geburt war ein schönes, überwältigendes Gefühl. Doch in meinem Umfeld musste ich mich rechtfertigen. Als ich meine Geburtserlebnisse auf meinem Blog publizierte, erntete ich eine Flut von Reaktionen – die einen gratulierten mir zu meinem Mut, die anderen verurteilten mich.»

Vor- und Nachteile Kind

  • Geringste Sterblichkeit
  • Keine Schädigung während der Geburt
  • Risiko von Atemnots­problemen nach der Geburt
     

Vor- und Nachteile Mutter

  • Keine Dammverletzungen und daher weniger Probleme mit Urin- und Stuhlverlust
  • Keine Spätschäden des Beckenbodens
  • Höheres Risiko durch die ­Kaiserschnittnarbe für eine spätere Schwangerschaft
  Annette Boutellier

Spontangeburt

Céline Lorenz (36), Projekteinkäuferin, Knonau ZH,  zwei Töchter, 3 Jahre und 11 Monate

«Während meiner Schwangerschaft traf ich keine Frau, die sagte, sie habe eine schöne Geburt erlebt. So kam es, dass ich grosse Angst davor hatte. Acht Wochen vor der Geburt habe ich mich intensiv darauf vorbereitet, mit einem ganzheitlichen Geburtsvorbereitungskurs. Dadurch bekam ich das Vertrauen in mich und mein Kind, dass wir gemeinsam eine sanfte und entspannte Geburt schaffen können. So, wie es die Natur der Frau ist. Man kann sich und seinen Körper so trainieren, dass die Wunsch­geburt, die man sich erträumt, Realität wird. Und ich ­hatte Traum- geburten. Die erste dauerte fünf, die zweite vier Stunden. Beides Wassergeburten, ganz ohne Schmerzmittel. Ein Wunschkaiserschnitt wäre für mich gar nicht in Frage gekommen.»

Vor- und Nachteile Kind

  • Bessere Immunabwehr
  • Geringeres Risiko von Atemwegs­erkrankungen
     

Vor- und Nachteile Mutter

  • Schnellere Erholung
  • Risiko eines Dammrisses oder Dammschnitts
  • Risiko von Beckenbodenschwäche und Inkontinenz

 Jacob Nufer: Pioniertat des Schweizer Schweinekastrierers

Um 1500 soll Elisabeth Alespach aus dem thurgauischen Siegershausen ihren Mann Jacob Nufer zum Vater machen. Zum ersten Mal. Doch es steht schlimm um die Schwangere. Die Frau liegt seit Tagen in den Wehen. Ganze 13 Hebammen und Ärzte stehen an ihrem Bett, niemand kann helfen. Elisabeth ahnt, dass sie oder das Kind, schlimmstenfalls beide, sterben müssen.

Der Schweinekastrierer Jacob Nufer setzt schon lange Schnitte und näht Wunden, also beschliesst er, mit «Gottes Hülff und Segen sein Weib auss grossen Noth zu erretten». Elisabeth willigte ein. Sie vertraut ihrem Mann. Er eilt zum Prälaten und holt dessen Einwilligung. Als er zurückkommt, fordert er die Beherzten auf, ihm zu helfen, die anderen sollen das Zimmer verlassen. Zwei Hebammen und Wundärzte bleiben.

Jacob Nufer legt seine Elisabeth auf den Tisch und schneidet ihr den Leib auf. Der Schnitt ist so präzise gesetzt, dass er das Kind in einem Mal herausholen kann. Es schreit und ist gesund. Seine Frau näht er zusammen, «wie man alte Schuhe sticken pfleget». Schon bald darauf ist Elisabeth wieder schwanger – mit Zwillingen. Später gebiert sie vier weitere Kinder.

88 Jahre danach hält der Basler Caspar Bauhin die Geschichte für die Nachwelt fest. Nach dieser Pioniertat bleibt der Kaiserschnitt eine Seltenheit, denn die Überlebenschancen sind bis Mitte des 19. Jahrhunderts klein.

1 Kommentare
  • B.  G. 05.10.2015
    Ich 288ig bin Mutter eines 9 monatigen Jungen. Habe natürlich entbunden und es ging etwas mehr wie 22 Stunden. Für mich war es von anfang an klar, wenn möglich auf natürlichem weg. Wenn es aber kritisch gewesen wäre oder es dem Kleinen nicht gut gehen würde, hätte ich nicht gezögert eine Schnittgeburt zu machen. Meiner Meinung nach muss es jeder selbst wissen, wie auch mit den Schmerzmitteln aber ich persönlich finde es schade aus kosmetischen gründen eine Schnittentbindung zu machen.