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Die schönste Nebensache der Welt kann abhängig machen.
(Thinkstock)Rolf B. schlief mit 600 Frauen. Er ist sexsüchtig. Wie Tiger Woods und Michael Douglas.
Vor wenigen Wochen sah ein normaler Mittag bei Rolf B. noch so aus: Er hetzt mit geröteten Wangen aus einem diskreten Zürcher Massagesalon. Es ist kurz nach Zwölf. 50 Franken kostete ihn die 15minütige Entspannungsmassage – Low-Budget-Sex über Mittag. Rolf (49)* ist sexsüchtig. Und Sexsucht ist teuer. Das Konto des Aargauers ist jeden Monat überzogen. Er steckt knietief in den Schulden, kann seine Rechnungen kaum noch bezahlen.
Rolf prahlt nicht mit seiner Libido. Es ist ihm unangenehm, dass er ständig Prostituierte aufgesucht hat. Er konnte nicht anders. Und er schämt sich. Bei Sexsucht geht es nicht um Lustbefriedigung. Ein Tag ohne Orgasmus kann bei Sexsüchtigen für Entzugserscheinungen wie bei Alkoholkranken sorgen.
Ist Sexsucht eine Krankheit? Werner Huwiler leitet eine Therapiegruppe für Sexsüchtige beim Mannebüro Zürich: «In den meisten Fällen nicht. Das Ziel der Therapie ist nicht etwa Abstinenz wie bei Alkoholsüchtigen. Es geht darum, die Sexualität besser zu kontrollieren und mehr geniessen zu können.»
Rolf weiss nicht genau, wie viele Frauen er hatte. «Irgendwann hörte ich auf zu zählen», sagt er zu Blick am Abend. «Ich schätze, es waren 600.» Er hatte drei Beziehungen. Und seine Ehe hielt nur zwei Jahre. Der durchtrainierte Sportler wird unruhig. «Ich liebte all meine Frauen. Aber treu sein konnte ich nie – ich dachte von morgens bis abends an Sex.» Das kille jede Beziehung.
Die Sexsucht diktiert Rolfs Leben. Seit seinem zwölften Lebensjahr denkt er rund um die Uhr an Sex und befriedigt sich mehrmals täglich selbst – notfalls auf dem WC. Immer wieder senkt der Grafiker sein Haupt, wenn er über seine zwanghaften Triebe spricht. «Meine Eltern waren lieb. Aber aufgeklärt wurde ich nie. Alles, was mich interessierte, war tabu. Ich konnte nie über Sexualität reden.» Mit vierzehn habe er zum ersten Mal mit einem Mädchen geschlafen. Doch Rolf kriegt nie genug.Freunde beobachtet er heimlich beim Sex, Pornohefte schaut er sich an, wie andere ihre Briefmarkenalben. Später surfte er stundenlang durch die Pornosites im Internet.
Der gutaussehende Mann denkt bei allen Frauen nur an Sex. Zieht sie mit seinen Blicken aus, stellt sich vor, wie sie im Bett sind. Immer wieder baggert er sie an. Egal, wo er sich aufhält. Im Supermarkt, im Schwimmbad, im Tram. Und das über 30 Jahre lang. «Ich erhielt einige Verweise und stand sogar kurz vor der Entlassung», sagt er leise.
Seinem Chef in der Werbeagentur hat er sich jetzt anvertraut. Nach dem x-ten Lohnvorschuss will dieser von ihm wissen, was los ist. Er bietet seine Hilfe an. Rolf fasst Vertrauen, packt aus. Sein Vorgesetzter rät ihm, einen Psychotherapeuten aufzusuchen und sich einer Selbsthilfegruppe anzuschliessen. Dort trifft man Rolf seit einem halben Jahr regelmässig an. Geheilt ist er noch nicht. Aber er befindet sich auf einem guten Weg.
Seit ein paar Wochen ist Rolf verliebt. Zum ersten Mal seit drei Jahren.«Diesmal mache ich alles richtig», erzählt er im Überschwang der Gefühle. Mit seiner neuen Partnerin hat er noch nicht über seine Sexsucht gesprochen. «Ich will ihr alles anvertrauen.» Nur den richtigen Zeitpunkt habe er noch nicht gefunden. «Es ergab sich noch nicht. Aber ich bin ihr bis heute treu geblieben», sagt er. Er schaut auf die Uhr. Er hat es eilig. Um 19.30 Uhr trifft sich seine Selbsthilfegruppe. *Name geändert
Beim Verlust der Freiheit spricht man von Sucht. Das ist bei der Sexsucht genauso wie bei Kauf- oder Esssucht. Die Sexsucht ist durch einen Kontrollverlust charakterisiert. Man will sein Verhalten ändern, spürt aber, dass es misslingt. Sind es bei Männern oft Bordellbesuche oder Pornographie-Konsum, geht es bei Frauen häufig um Parallel-Beziehungen zu mehreren Partnern. Ein klares Suchtmerkmal ist die Dosissteigerung: Man braucht den Kick häufiger, die Erlebnisse werden extremer. Zur Sucht gehören die Schuld- und Schamgefühle danach. Man tut etwas, was man moralisch verurteilt, ist aber erneut schwach geworden.
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