Therapeut Ulrich Clement «Die Schweiz wird sexuell unterschätzt»

Seit 40 Jahren berät Sexualtherapeut Ulrich Clement Paare. Er findet lausigen Sex okay, glaubt, dass Affären nicht den Partner in Frage stellen und trifft vermehrt auf lustlose Männer.

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Ein weisser Ledersessel mit hoher Lehne steht zwei Sesseln in rotem Leder gegenüber. Dazwischen eine Box mit Taschentüchern auf ­einem Salontisch. Hier fliessen oft die Tränen. Hier drehen sich die Gespräche um Sex, Pornos und Affären. Und um die grosse Frage, was denn Liebe ist und wohin sie verschwunden ist. Willkommen im Therapiezimmer des Paar- und Sexualtherapeuten Ulrich Clement. Ein selbstsicherer, unaufgeregter Mann.

Herr Clement, worauf sind Sie – was Ihr Sexualleben betrifft – stolz
Ulrich Clement:
Dass es stattfindet.

Was ist Ihr grösstes sexuelles Problem?
Da überlege ich mir sehr genau, wem ich das erzähle.

Was war das erotische Erlebnis, das Sie am meisten enttäuscht hat?
Das liegt schon lange zurück.

Sie geben sich zugeknöpft, Herr Clement. Dabei haben Sie sich diese Fragen selber ausgedacht. Das sind drei der 200 Fragen aus Ihrem neuen Buch «Think Love – Das indiskrete Fragebuch».
Nun, wem gebe ich so viel Einblick in meine private Situation? Ich kenne Ihre Leser schliesslich nicht. Aber ich habe die Fragen für mich beantwortet. Ich mute also niemandem etwas zu, was ich nicht selber täte.

Wieso ist es wichtig, dass wir uns Fragen zu unserem Sexualleben stellen?
Das entscheidet jeder für sich selber. Man muss irgendein Anliegen haben, eine Neugier, damit man mit dem Buch etwas anfangen kann. Es geht um die Frage: Wer bin ich als sexuelle Person?

Wie unterscheiden sich Männer und Frauen, wenn sie über Sex reden?
Bei Frauen ist die Frage «Hattet ihr Sex?» der Anfang eines Gesprächs. Bei den Männern ist die kurze Antwort darauf das schnelle Ende.

Weshalb schreiben Sie in der Einleitung zum Fragebuch «Sex ist nicht lustig»?
Der Satz geht weiter!

Weiter steht da: «Gut, manchmal schon.» Euphorie klingt anders.
Ich hab einen gedanklichen Gegner und der heisst «Sex macht Spass». Das ist eine zu einfache Sicht auf die Sexualität. Sex kann trostlos, langweilig und schmerzlich sein, kann kränken und traurig machen. Diese Optionen sind beim Sex drin. Und sie sind wichtig, weil erst sie die Qualität ausmachen. Wenn Sex nur Spass machen würde, dann würde er sich nicht so sehr vom Schokoladeessen unterscheiden. Die Intensität bekommt Sexualität erst, indem sie eine Bedeutung bekommt für das Paar, das sie lebt.

Welche Bedeutung?
Trost, Bestärkung in der eigenen Körperlichkeit, eine Versicherung, dass man zusammengehört.

Lausiger Sex ist also okay?
Unbedingt. Um das ganze Spektrum von Emotionen zu erleben, gehört dieser mittelmässige und sogar langweilige Sex dazu. Es nimmt immens den Stress raus, wenn man sich nicht darauf festlegt, dass nur Leidenschaft, Orgasmus und Intensität zählen.

Das dominante Ideal ist genau umgekehrt.
Ja, es ist gefährlich, dass wir uns immer am Superlativ messen. Begeisterung und Glück liegen schon drin, aber die bedrohliche, langweilige Seite ist die häufigere.

Was ist das höchste Gut in einer Partnerschaft?
Die meisten Paare würden wohl die Liebe nennen. Andere sagen Vertrauen oder Verlässlichkeit. Und für manche ist es die soziale Akzeptanz als Familie in ihrem Umfeld. Ich kenne einige Paare, die zusammenbleiben, obwohl sich die Liebe verabschiedet hat, die Verbundenheit aber geblieben ist. Die müssen sich nichts vorlügen. Die Vorstellung, dass alles, was Paare verbindet, Liebe sein muss, ist geradezu terroristisch. Das halte ich für zu einseitig. Es gibt genug Paare, die nicht durch Liebe verbunden sind. Und es geht nicht an, dass Aussenstehende das als falsch bewerten.

Was bedeutet Liebe?
Da bin ich jetzt der Fünfhunderttausendste, der Liebe zu definieren versucht. Im Kern geht es in der Liebe um das Gefühl, für jemanden einzigartig zu sein. Bei Liebeskummer, Affären und allen anderen Kränkungen geht es immer darum, dass genau dieses Gefühl in Frage gestellt ist – die Befürchtung, dass man austauschbar ist.

In welcher Welt würden wir leben, gäbe es die Eifersucht nicht
Wahrscheinlich in einer Welt, in der es das Wort Fremdgehen nicht mehr gäbe. Es gäbe keinen Betrug mehr. Ich glaube aber nicht, dass dann einfach alle in der Gegend rumvögeln würden. Freundschaft und Verlässlichkeit würden mehr bestimmen, wie wir uns verhalten.

Schweizer gelten als verlässlich. Wie leidenschaftlich sind wir
Ich halte die Schweiz für ein sexuell völlig unterschätztes Land. Die Schweiz ist vitaler und aufgeschlossener in Sachen Sex als viele denken. Auch die Schweizer selber werten sich gegenüber, vermeintlich, feurigen Liebhabern aus Frankreich, Spanien oder Italien ab. Dabei gibt es in der Schweiz viele Tantrakurse und eine aktive Sexualtherapie. Der sogenannte «approche sexocorporel» hat in der Schweiz sein Zentrum.

Was ist das?
Ein therapeutischer Ansatz, der betont körperorientiert arbeitet, sich also nicht auf das therapeutische Sprechen begrenzt.

Was ist guter Sex?
Die Qualität von gutem Sex liegt in der Erkenntnis: Wir gehören zusammen. Wir bestätigen uns körperlich, dass alles stimmt zwischen uns. Das kann für zwei Paare ganz unterschiedlich sein. Für ein Paar, das auf Sexpartys sehr aktiv ist, ist nur eine gut orchestrierte Orgie richtig guter Sex. Für ein anderes Paar ist guter Sex, sich unsensationell fünf Minuten am Sonntagmorgen in der Missionarsstellung zu vereinigen. Jeder ist die höchste Instanz seiner Sexualität.

Haben wir mehr Sex, weil der Alltag so durchsexualisiert ist?
Nein. Wenn man in der Badewanne im Wasser liegt, kriegt man auch nicht unbedingt Durst. Aber das Internet hat die Zugänglichkeit zu Sex sensationell verändert. Zu jeder sexuellen Vorliebe ist es nur noch ein kurzer Weg. Das hat Paare durcheinandergebracht: Einer bleibt im Internet hängen, der andere erlebt das als fremdgehen. Und die sexuelle Sucht ist sichtbarer geworden.

Sie arbeiten seit 40 Jahren als Sexualtherapeut. Was hat sich seit Ihrem Berufseinstieg verändert?
Paare mittleren Alters trennen sich nicht mehr so schnell. Sie reden zum Beispiel nach einer Affäre offener darüber und diskutieren, ob sie nochmals die Kraft und Lust dazu haben, ihre Beziehung zu retten. Und die Frauen sind selbstbewusster geworden. Sie wissen genauer, was sie wollen. Die Männer befinden sich dafür häufiger in der zögernden Position. Das war früher umgekehrt. Damals sassen hier viel häufiger ein drängender Mann und eine verweigernde Frau. In den 1970er-Jahren war das grosse Thema bei den Frauen: Ich habe keinen Orgasmus. Und bei den Männern: Ich komme zu früh oder ich habe Erektionsstörungen. Als ich anfing, gab es kaum Männer, die sagten, sie hätten keine Lust auf Sex.

Was ist der Grund dafür?
Die Frauen sind mehr in der Offensive und fordern ein, was sie wollen. Und Präparate wie Viagra entkräften das Nichtkönnen als Argument. Früher konnten sich Männer hinter dieser Aussage verstecken, heute müssen sie ehrlicher sagen, wenn sie nicht wollen.

Was bedeutet diese Lustlosigkeit für die Rolle des Mannes in der Gesellschaft?
Es kann Männer entlasten, sich die Freiheit eines souveränen Neins zuzugestehen.

Sie schreiben in Ihrem Buch «Wenn Liebe fremdgeht», dass eine Affäre nicht das Ende bedeuten muss ...
... kann, muss aber überhaupt nicht.

Was bedeutet es dann?
Ich sehe zunehmend Paare, bei denen Affären Verletzungen ausgelöst haben und viel Herzblut geflossen ist, die es aber trotzdem nochmals zusammen versuchen wollen. Eine Affäre kann ein Hinweis sein: Lass uns aufpassen, dass wir uns nicht verlieren. Oder ein Hinweis auf ungelebtes Leben. Die Erklärung, dass in der primären Beziehung etwas falsch gelaufen ist, gilt nicht in jedem Fall.

Wieso nicht?
Es kann sein, dass einer gewisse Dinge erleben und spüren will, die ihm bisher fremd gewesen sind. Dabei sucht der fremdgehende Partner vielleicht nicht eine andere Person, sondern ist von der Sehnsucht bewegt, dass das Leben anders sein kann.

Aber das hat doch mit der primären Beziehung zu tun, weil sie das nicht befriedigt.
Na, das setzt voraus, dass eine primäre Beziehung alles erfüllen muss. Da fängt der Wahnsinn an. Diese in den Exzess getriebene, romantische Vorstellung bringt viel Unglück. Der Partner muss alles sein: der Vertraute, der Liebhaber, der Vater, der Krankenpfleger, der intellektuelle Partner, der Sportbuddy, der Bruder, der Zuhörer und, und, und. Das ist eine völlige Überforderung. Da sind wir beim anderen Terror.

Nach einer Affäre wird oft ins Feld geführt, dass es «nur Sex» war. Gibt es das?
Das glaube ich nicht. Das sagt in der Regel ein Mann, der fremdgegangen ist und das runterspielen möchte. Das ist die klassische Bagatellisierung. Doch Sex ist immer ein Bedeutungsträger für etwas anderes. «Nur Sex» kann heissen, dass man es genossen hat, körperlich akzeptiert zu werden, ohne viel liefern zu müssen. Oder nicht endlos nett sein oder mal nicht so viel reden zu müssen. Das ist nicht «nur Sex», sondern mehr.

Sie verwenden im Zusammenhang mit Affären den Begriff des selektiven Mitteilens. Auf Nicht-Therapeuten-Deutsch: Ist Lügen moralisch vertretbar?
Ich mache keine Werbesendung fürs Lügen, aber eine für die Güterabwägung. Das Beispiel einer Frau war für mich sehr überzeugend: Sie erzählte mir, dass ihr Mann sich umgebracht hätte, wenn er von ihrer Affäre erfahren hätte. Soll ich der sagen, sie soll ehrlich sein? Ich glaube, es ist legitim, die Gesamtsituation abzuwägen. Man muss aber damit umgehen können, das Geheimnis für sich zu behalten.

Publiziert am 22.06.2015 | Aktualisiert am 22.06.2015
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Sexualtherapeut Ulrich Clement (64): «Es gibt genug Paare, die nicht durch Liebe verbunden sind.» play

Sexualtherapeut Ulrich Clement (64): «Es gibt genug Paare, die nicht durch Liebe verbunden sind.»

Sabine Wunderlin

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