Autor Jörg Zittlau im Interview: «Sex ist total überbewertet»

Trotz Flaute im Bett sollen Paare nicht an sich zweifeln, rät der deutsche Wissenschaftsautor Jörg Zittlau. Er glaubt, Sex werde zwangsläufig zur Nebensache.

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Der Privatmann: Jörg Zittlau tritt nicht nur als Wissenschaftsautor im TV und Radio auf, er steht auch als Musiker und Sänger auf der Bühne.

Toma Babovic
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Erotik

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Es gibt unendlich viele Bücher über Sex. Was hat Sie ums Himmels willen dazu bewogen, einen weiteren Rat­geber auf den Markt zu bringen?
Jörg Zittlau: Es gibt tatsächlich einen riesigen Hype um Sex. Das Thema ist omnipräsent, im Kino, in Zeitschriften, in der Werbung. Selbst Produkte wie Milch oder Kochtöpfe versucht man erotisch aufgeladen zu verkaufen. Mit Sex, so die vorherrschende Meinung, lässt sich alles verkaufen. Darüber ärgere ich mich und stelle mir deshalb in meinem Ratgeber die Frage, wie wichtig Sex für uns Menschen wirklich ist.

Sie fragen bereits im Titel: Wer braucht denn noch Sex? Das klingt, als wollten Sie ein Anti-Sexbuch verfassen.
Ich bin kein Guru der neuen Enthaltsamkeit. Das Buch ist vielmehr eine Bestandsaufnahme, wie es um die Sexualität in unserer heutigen Zeit steht.

Also: Wie steht es darum?
Im Zuge meiner Recherchen fand ich viele beeindruckende Studien aus der Hirnforschung, der Soziologie, der Verhaltensforschung und anderen Disziplinen. Sie alle relativieren die Bedeutung von Sex für den Menschen – bezüglich Fortpflanzung, aber auch für unser Glücksbefinden.

Dabei wird Sex, wie Sie sagen, so viel Bedeutung beigemessen.
Die Realität in unseren Betten sieht aber anders aus. Der Sex ist in den letzten zehn Jahren deutlich zurückgegangen. Umfragen für den mitteleuropäischen Raum zeigen, dass 18- bis 30-Jährige vor drei Jahrzehnten 22 bis 28 Mal Sex im Monat hatten – heute sind es nur noch 4 bis 10 Mal.

Sind solche Umfragen seriös?
Natürlich wird in derartigen Umfragen viel gelogen. Zieht man jedoch in Betracht, dass das früher nicht anders war, zeichnet sich ein Trend ab – und der zeigt, dass Sex über die Jahre deutlich zurückgegangen ist.

Bei Jugendlichen wohl kaum.
Interessanterweise doch. Jugendliche wurden gefragt, worauf sie eher einen Monat lang verzichten könnten, auf ihr Handy oder auf Sex. Und: 60 Prozent wollten lieber auf Sex verzichten. Kontakte finden heute auf anderer Ebene statt. Mehr virtuell. Das Laptop ist ja in erster Linie dazu da, um Kontakte mit anderen zu pflegen. Das Körperliche ist stark zurückgegangen. Zärtlichkeiten werden zwar ausgetauscht, allerdings via WhatsApp. Wir werden de facto zu sinnlich ärmeren Menschen.

Worauf führen Sie die sexuelle Tristesse zurück?
Der Mensch ist naturgegeben so konzipiert, dass er bei einer Überladung seiner Reize abstumpft. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen Habituation. Wer jeden Tag Erdbeerkuchen bekommt, hat irgendwann keine Lust mehr darauf. Ähnlich ist es mit dem Sextrieb. Wir werden heute sexuell überfrachtet und stumpfen ab. Ausserdem kommt in der heutigen Zeit der Stress hinzu. Guy Bodenmann, Forscher und Professor an der Universität Zürich, zeigte auf, dass jeder zusätzliche Stress unsere sexuelle Aktivität um bis zu 21 Prozent herunterschraubt.

Sind wir abgestumpft und gestresst, schwindet die Lust?
Stress drosselt die Produktion von Sexualhormonen und damit den Sexualtrieb. Ausserdem zeigen Studien, dass der Narzissmus, also die Selbstliebe, in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Die Quote der Partnerschaften, in ­denen es narzisstische Züge gibt, wird bereits auf bis zu 40 Prozent geschätzt. Und ein Mensch, der sich selbst zu wichtig nimmt, hat nicht das Potenzial oder das Interesse, einen anderen zu lieben.

Die sexuelle Freiheit frisst sozusagen ihre Kinder?
Unsere Vorfahren haben sich die sexuelle Freiheit mühselig erkämpft. Doch diese hat auch Nachteile, wie wir jetzt sehen. Das natürliche Interesse an der Sexualität lässt paradoxerweise nach: weil wir abstumpfen, da der Sex überall ist. Deshalb lässt einerseits der Sex nach, andererseits wird er immer mechanischer.

Dabei glauben die meisten, Sex sei ein wichtiges Grundbedürfnis des Menschen.
Dieses Vorurteil geht auf Abraham Maslow zurück. Der US-Psychologe hatte in den 1940er-Jahren eine Bedürfnispyramide konstruiert, welche die Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse abbilden sollte. Für seine Hypothesen gibt es bis heute keine empirischen Belege. Im Gegenteil. Die Hirnforschung weiss längst: Unser Gehirn ist so konzipiert ist, dass es sich aus allen Dingen Lust und Befriedigung holen kann. Und bei all den Ablenkungen, aus denen wir wählen können, spielt Sex nur noch eine untergeordnete Rolle.

Deshalb Ihr Plädoyer: Macht euch keine Sorgen, wenn der Sex weniger wird.
Es ist eine naturgegebene Gesetzmässigkeit, dass der Sex im Laufe einer Beziehung nachlässt, relativ zügig sogar. Und manchmal hört er ganz auf. Das ist per se nichts Schlimmes. Es ist nur der Druck von aussen, der suggeriert, dass jeder ein Sexleben haben sollte, in dem es dauernd spannenden und erfüllten Sex gibt. Das entspricht aber nicht der Realität.

Psychologen aber meinen, ein  erfülltes Sexleben sei Voraussetzung für eine gute Beziehung. Wer hat nun recht?
Diese Paar- und Ehetherapeuten vertreten damit eine These, die Sigmund Freud vor 120 Jahren aufgestellt hat. Sie ist für diesen Berufsstand praktisch, denn so macht er sich unentbehrlich und sichert damit sein Einkommen. Denn würden Psychotherapeuten ihren Patienten sagen: «Macht euch keine Sorgen, es ist eine normale Entwicklung in der Gesellschaft und in einer Beziehung, dass der Sex abnimmt», bräuchte man sie erst gar nicht mehr.

Sie haben keine hohe Meinung von Psychotherapeuten?
Paar- und Ehetherapeuten erhöhen oftmals Sex zum Gradmesser des Ehe-Zustands. Nach dem ­Motto: Je weniger Sex Menschen haben, desto mehr steckt ihre Beziehung in der Krise. Das ist ein Fehler. Eine langjährige Ehe kann stabil gehalten werden, ohne dass man sonderlich viel Sex hat.

... und ein Paar irgendwann wie Bruder und Schwester zusammenlebt?
Was ist so schlimm daran? Hauptsache ist doch, das Paar versteht. Muss es denn nach 20 Jahren Ehe noch immer kribbeln? Viele leben in derart freundschaftlichen, ja sogar geschwisterlichen Beziehungen. Diese können sehr erfüllend sein.

Was macht Ihrer Meinung nach denn eine gute Beziehung aus?
Wer eine stabile Liebesbeziehung aufbauen will, sollte sich nicht in erster Linie darum bemühen, den Sex lebendig zu halten. Es gibt Faktoren, die dafür weit wichtiger sind. Zahlreiche empirische Befragungen von Langzeit-Ehepartnern haben gezeigt, dass für sie gemeinsame Werte, Toleranz und Verständnis an oberster Stelle stehen. Sex spielt in entsprechenden Befragungen – wenn überhaupt – nur eine untergeordnete Rolle. Manchmal rangiert er gar an letzter Stelle.

Häufig ist es so: Ein Partner will Sex, der andere nicht. Wie geht man damit um?
Menschen sind, was ihre Triebe angeht, unterschiedlich veranlagt. Es gibt Menschen mit schwächerem und solche mit stärkerem Bedürfnis nach Sex. Darüber muss man in einer Beziehung reden – und das Anderssein des Partners akzeptieren. Jeder muss nachgeben und auf den anderen einen Schritt zukommen. Problematisch wird es nur dann, wenn Menschen mit grundsätzlich unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen zusammenkommen.

Was dann?
Man sollte schon ganz am Anfang einer Beziehung offen über die eigenen sexuellen Bedürfnisse ­reden. Nicht erst nach fünf oder zehn Jahren, wenn man feststellt, dass man sexuell nicht zusammenpasst. Sind die Bedürfnisse schlussendlich so unterschiedlich, dass die Partner darunter leiden, muss man sich in letzter Konsequenz trennen. Auch dazu braucht man keinen Psychotherapeuten.

Dank Viagra, so hoffte man noch Anfang dieses Jahrtausends, kann man die Potenz neu entfesseln. Ein Trugschluss?
Viele Männer und Frauen im fortgeschrittenen Alter hatten sich vor Viagra damit arrangiert, keinen Sex mehr zu haben. Nicht etwa aus Frust, sie hatten einfach die Tatsache akzeptiert, dass ihr Sex nachlässt oder gar ganz versiegt war, wie eine Quelle. Mit Viagra wurden sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie noch Sex haben könnten, wenn sie denn wollten. Damit wurde der Sex künstlich wieder erweckt. Das wiederum hat viel Stress in Beziehungen ­gebracht – und keineswegs dazu beigetragen, diese Beziehungen zu stabilisieren.

Sie warnen vor Tipps und Tricks, den Sex wieder in Gang zu bringen. Weshalb?
Aus gutem Grund. Denn all die Tipps und Tricks, die da in Pseudo-Ratgebern angepriesen werden, setzen die Menschen doch nur unter Druck. Viel wichtiger ist es, miteinander zu reden, sich nahe zu sein – zu wissen, was die oder der andere will. Einer der wenigen sinnvollen Tipps kommt aus der Sexualtherapie. Er empfiehlt Paaren, fixe Termine zu vereinbaren, an denen sie jeweils Sex haben wollen. Selbst dann, wenn man eigentlich keine Lust darauf hat. Oft entdeckt ein Paar dadurch erst wieder die Lust.

Sex als Pflichttermin am Samstagabend? Mit Verlaub: Klingt nicht sonderlich prickelnd.
Warum muss Sex denn immer prickelnd, romantisch oder gar verführerisch sein? Das ist ein weitverbreitetes Vorurteil. Romantik muss ja nicht zwingend im Bett stattfinden. Man kann sich ja Blumen schenken oder Briefe schreiben, das bringt viel mehr. Überhaupt: Von überall her wird uns eingetrichtert, Sex müsse ein grossartiges Erlebnis sein. Eines, das uns in Ekstase versetzt. Dabei kann Sexualität, wie jeder andere Trieb auch, durchaus trivial sein. Die Sexualität ist ein Trieb wie beispielsweise Hunger, Durst oder unser Schlafbedürfnis. Und mein Frühstück ist auch nicht immer etwas Besonderes. Es ist Alltag. Warum soll das bei der ­Sexualität anders sein?

Birgt Ihre These nicht das Risiko, dass man die Partnerin, den Partner irgendwann austauscht – weil der Sex zu langweilig und zu selten ist?
Die Partnerin, den Partner auszutauschen, halte ich für einen Fehler. Denn das sexuelle Verlangen lässt auch bei einem neuen Partner relativ zügig nach. Schon nach vier Jahren Partnerschaft lässt das Verlangen bereits wieder so weit nach, dass ein Paar einen anderen Zugang zur Sexualität wählen muss. Dann kommt es ­sozusagen zum Elchtest in einer Partnerschaft. Die Euphorie ist nicht mehr da wie in den ersten Jahren. Man kann sich entscheiden, alle vier Jahre einen neuen Partner zu suchen – oder aber zu versuchen, eine stabile Partnerschaft aufzubauen.

Publiziert am 19.01.2015 | Aktualisiert um 14:00 Uhr
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Amor trifft zwar noch – der Sex ist aber gemäss Jörg Zittlau deutlich zurückgegangen. play

Amor trifft zwar noch – der Sex ist aber gemäss Jörg Zittlau deutlich zurückgegangen.

Toma Babovic
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Zur Person

Erfolgsautor und Vielschreiber
Jörg Zittlau (54) studierte Biologie, Soziologe und Philosophie. Als Wissenschaftsautor verfasste er über 60 Sachbücher, die in 19 Sprachen übersetzt wurden. Sein neustes heisst: «Wer braucht denn noch Sex – Warum wir es immer seltener tun und warum das nicht so schlimm ist» (Gütersloher Verlagshaus). Zittlau war 20 Jahre verheiratet, ist geschieden und lebt seit drei Jahren mit einer neuen Partnerin zusammen. Er hat einen Sohn (18) und eine Tochter (16).

Jörg Zittlau ganz persönlich

… wie oft er noch Sex hat
Er kommt schon noch vor. Aber er ist deutlich seltener geworden als noch vor 15 oder 20 Jahren.

… den Rückgang von Sex in der eigenen Beziehung
Ich bin erst seit drei Jahren mit meiner Partnerin zusammen. Es ist also noch recht frisch und alles relativ neu. Aber es ist klar, dass der Sex auch in dieser Beziehung im Laufe der Jahre zurückgehen wird. Natürlich.

… die Reaktion seiner Partnerin auf das Buch
Am Anfang war sie erschrocken. Als sie es gelesen hatte, war sie beruhigt, da mein Buch ja eine Bestandesaufnahme ist, wie es mit dem Sex heutzutage aussieht.

… die Reaktionen im Allgemeinen auf das Buch
Im deutschen Fernsehen, im Radio und in der Presse wurde kontrovers darüber diskutiert. Prinzipiell waren die Medien offen. Denn Sex lässt sich immer verkaufen. Gleichzeitig hatten einige Verlage Angst, sie könnten eine Botschaft verbreiten, die das Publikum gar nicht hören will: dass Sex nämlich gar nicht so wichtig ist.

2 Kommentare
  • Sigel  Adrian aus Bangkok
    19.01.2015
    Es gibt eine Phase im Leben eines Mannes da sind Frauen und Sex das Einzige woran man denken kann.

    Wenn die Hörner dann mal genügend abgestossen sind, man Erfahrungen und ein gewisses Alter erreicht hat, werden andere Dinge automatisch wichtiger.

    Denn - wie mit Allem im Leben - schleicht sich mit der Zeit eine Gewöhnung und Routine ein und man wird auch wählerischer dabei, wen man neben sich im Bett will - oder ob überhaupt.

    Unabhängigkeit und Freiheit sind mir persönlich wichtiger.
  • Sarah   Minder aus Stäfa
    19.01.2015
    Der Mann spricht wahre Worte. Genau so sehe ich das auch.