Ratgeber Verkehr Rechts vorbei – oder doch nicht?

Peter Förtsch (65) ist Autor von «Der Führerausweis», dem Fachbuch der schweizerischen Verkehrsregeln. Für BLICK beantwortet er Fragen zur Fahrpraxis.

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Auf der A1 – Verzweigung Brüttisellen Richtung St. Gallen – wird die Autobahn dreispurig. Dennoch bleiben viele Fahrer auf der mittleren Spur mit 100 km/h kleben. Fahre ich nun auf der freien rechten Spur mit den erlaubten 120 km/h an den weiterhin mit 100 km/h auf der mittleren Spur fahrenden Autos vorbei und wechsle später bei der Einfahrt Effretikon wegen langsam auffahrenden Autos wieder auf die mittlere Spur zurück, gilt das dann als Rechtsüberholen – obwohl die zuvor überholten Autos längst weit zurückliegen?
Stephan Notter, Villmergen AG

Sie sprechen ein komplexes und seit dem 3. März oft missverstandenes Thema an. Damals veröffentlichte das Bundesgericht den Entscheid, der die bisherige Regelung des verbotenen «Rechtsüberholens» und erlaubten «rechts Vorbeifahrens» beibehält, aber den Begriff «Kolonnenverkehr und die damit verbundene Gefahrenbewertung unterschiedlicher Geschwindigkeiten» auf einzelnen Fahrspuren präzisiert (siehe Box).

Der Fahrlehrer Peter Förtsch (65) ist Autor von «Der Führerausweis», dem Fachbuch der schweizerischen Verkehrsregeln. play
Der Verkehrsexperte Peter Förtsch (65) ist Autor von «Der Führerausweis», dem Fachbuch der schweizerischen Verkehrsregeln. Werk

Die von Ihnen geschilderte Situation zeigt sich aber in wesentlichen Teilen anders: Sie fahren mit 100 km/h auf der zweiten Überholspur. Der Verkehrsfluss auf diesem ersten Überholstreifen (mittlere Fahrspur) wird durch notorische Linksfahrer behindert. Weil die Normalspur neben Ihnen frei ist, wechseln Sie In der Folge gesetzeskonform auf die Normalspur rechts. Die Fahrzeuge auf der Überholspur bewegen sich weiterhin mit 100 km/h weiter. Sie aber beschleunigen auf 120 km/h und fahren rechts an der Kolonne vorbei.

Wären Sie auf der Normalspur mit 100 km/h weitergefahren, aber die Kolonne auf der ersten Überholspur langsamer geworden, würde man von einem erlaubten «passiven Überholen» sprechen, das im Sinne des Gesetzes nicht als Überholen gilt und somit erlaubt ist. Weil Sie aber auf 120 km/h beschleunigt haben, haben Sie das «Verbot des Rechtsüberholens» missachtet. Im Sinne des Gesetzes wird das als schweres Verschulden und grobe Fahrlässigkeit beurteilt.

Publiziert am 23.08.2016 | Aktualisiert am 25.08.2016
Rechtsgrundlage

Passives Überholen

Trotz des geltenden Rechtsfahrgebots auf Autobahnen kommt es bei viel Verkehr und notorischen Linksfahrern auf den Überholspuren häufig zu dichterem Verkehr als auf der Normalspur. Die Folge: Auf der Überholspur entsteht der sogenannte Handorgeleffekt, während auf der Normalspur der Verkehr bei konstanterem Tempo flüssiger und schneller voran kommt.

Der vorschriftsmässig auf der Normalspur fahrende Fahrzeuglenker kann nicht für ein Vorfahren gebüsst werden, weil er das Rechtsfahrgebot einhält und Abstandsvorschriften beachtet. Paralleler Kolonnenverkehr ist bereits dann anzunehmen, wenn es auf der linken (und mittleren) Überholspur zu einer derartigen Verkehrsverdichtung kommt, dass Fahrzeuge auf der Überholspur faktisch nicht mehr schneller vorankommen als diejenigen auf der Normalspur, mithin die gefahrenen Tempi annähernd gleich sind. Dass die Abstände zwischen den Autos auf beiden Fahrspuren nicht identisch sind und die auf den Fahrstreifen gefahrenen Tempi verkehrsbedingt geringfügig differieren, ist unvermeidlich und ohne Bedeutung.

Wenn der Fahrer auf der rechten Fahrspur nicht beschleunigt, sondern sich mit (annähernd) gleichem Tempo fortbewegt kommt der Positionswechsel mit den links von ihm auf der Mittelspur fahrenden Personenwagen ausschliesslich dadurch zu Stande, dass die auf der ersten Überholspur fahrenden Autos ihr Tempo verringerten.

Ein derartiges «passives Überholen» ohne zu beschleunigen bzw. unter Beibehalten der gefahrenen Geschwindigkeit ist kein Überholen im Sinne des Gesetzes und der zitierten bundesgerichtlichen Rechtsprechung.

Haben auch Sie eine Frage an unseren Experten?

Dann richten Sie diese an: Redaktion BLICK, Stichwort «AutoBlick», Postfach 8099 Zürich oder per Email an auto@blick.ch.

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  • Richard  Reich aus Basel
    24.08.2016
    Zwischen Basel und Augst, 3 spurige Autobahn, fahre ich immer mit Tempomat auf der rechten Spur mit 100 an allen vorbei. So komme ich immer völlig entspannt am Ziel an, während sich andere auf der linken Spur über Schleicher und Blockierer ärgern.
  • Peter  Wegmann 24.08.2016
    Ich staune immer wieder, wenn ich (täglich) Autobahn fahre. Ein ständiges Geblinke mit Bremslichtern, wie an der Albisgüetlichilbi. Defensives Fahren ist für die Mehrheit ein Fremdwort. Ein "ich habe Recht(e)" unabdingbar. Jeder stresst sich selbst - ein Programm. Aus der Sicht "defensives Fahren" ist der BG Entscheid absolut logisch und problemlos nachvollziehbar. Wie aber ist die Rechtslage, wenn es durch Wechseln auf Normalspur mit dem schneller, rechts fahrenden Auto einen einen Unfall gibt?
    • Mika  Zeller 24.08.2016
      Ganz einfach, dann waren Sie als vortrittsbelasteter spurwechselnder Verkehrsteilnehmer zu wenig aufmerksam, zudem muss ohnehin gemäss den einschlägigen Bestimmungen des Schweizerischen Strassenverkehrsgesetzes (SVG) gegenüber nachfolgenden Verkehrsteilnehmern Rücksicht genommen werden. Auf das Vertrauensprinzip, auf der anderen Spur komme ja kein schnellerer rechts vorbeifahrender Verkehrsteilnehmer können Sie sich jedenfalls nach diesem neuen Bundesgerichtsentscheid nicht mehr beziehen
  • Christoph   Reber 24.08.2016
    spannend: rechts vorbeifahren ist in engen Grenzen erlaubt, aber bei Beschleunigung bereits ein schweres Verbrechen?
  • willi  weber 24.08.2016
    Interssiert mich je länger je weniger. Unsere Gesetze sind zt so hirnrissig und dienen nur der Geldmacherei. Genau zwischen Winterthur und Zürich immer dasselbe Lied. Von der rechten Spur ganz links rüber und zurück nur weil einer die mittlere Spur blockiert ist viel gefährlicher als rechts vorbeifahren. Hauptsache kompliziert.
  • Gustav  Nörgeli 23.08.2016
    "Weil Sie aber auf 120 km/h beschleunigt haben..."

    Der nette Herr hat ganz offensichtlich ein Problem mit Textinterpretation. Denn im Fragetext wird die Situation mitnichten so geschildert, dass sich daraus eine Beschleunigung ableiten lässt.
    Vielmehr bleibt es offen, ob er auf der rechten Spur bereits mit 120km/h unterwegs war, als er am Schleicher vorbeizog.

    Genau aufgrund solch uneindeutiger Situationen gehört das Rechtsüberholverbot abgeschafft.