Rallye-Navigator im Dakar-Mini All4 Racing Das Hirn sitzt rechts

Der wahre Star der Rallye ist der Navigator. Er ist Papi, Pfadfinder, Problemlöser des Teams. SonntagsBlick versuchte sich in der Wüste als Co-Pilot im Dakar-Mini.

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Links eine Düne, rechts ein einsamer Ghaf-Baum, dazwischen 42 Grad heisses Nichts – und in der Ferne ein Veloweg. Wie bitte? Willkommen in der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate nahe Dubai. Schon die Stadt selbst gleicht eher einer materialisierten Fata Morgana. Hier ist eben alles möglich, vom surreale 828 Meter hohen Burj Khalifa über eine Skipiste im Einkaufszentrum bis hin zum asphaltierten Veloweg, der in die Wüste führt. Oder, dass SonntagsBlick einen Rallyestar in die Irre führt.

Aber der Reihe nach: Seit 2011 mischt Mini bei der in Südamerika stattfindenden Rallye Dakar nicht nur mit, sondern deklassiert die Konkurrenz. Die Dakar 2015 endete im Januar nach 9000 Kilometern und zwei Wochen mit einem Mini-Sieg und vier Mini in den Top Fünf. Glanz und Glamour sind dabei Sache des Fahrers. Für den Beifahrer gerät der Sieg zur Privatsache: Der Mann im Schatten erntet statt Ruhm nur Ruhe. Dabei ist er mitnichten nur Routenvorleser: Der Copilot ist Hirn des Teams. Navigator, Organisator, Kommunikator – und Diktator: Der Boss sitzt rechts. Dafür plackt er am Vorabend der Etappe stundenlang am Roadbook, schaufelt das Auto frei und brüllt dem Fahrer noch beim Crash Tipps zu.

Unterricht. Gestatten, Michel Périn (58), einer der erfahrensten Rallyebeifahrer der Welt. Unser Lehrer. Genauso wie in Roadbookkunde könnte er uns auch in Usbekisch unterrichten: Ein Roadbook ist ein Hort kryptischer Zeichen und seltsamer Zahlen. Nur ein Beispiel: Eine auf dem Kopf stehende Eins ist ein Pfosten. Der Franzose schult vermeintliche Profanitäten: Sind alle Seiten da? Übersteht die Spiralbindung die Etappe? Sind Gefahrenstellen markiert? Tempolimits drin? Mit Kugelschreiber und Textmarker bearbeiten wir die bei Langstreckenrallyes erst am Vorabend ausgegebene «Bibel».

Wann sollen wir vorlesen? «Es ist wie ein Tanz», erläutert Michel, «ihr müsst mit dem Fahrer den Rhythmus finden. Man kann da auch Psychologie einsetzen: Ist er zu schnell, zählt man die Entfernung zum nächsten Wegpunkt: 400, 300, 200 Meter. Das bremst ihn.» Mich bremst eine Stunde später das Einstiegsritual. Overall, Helm. Hinaufklettern, durch den Überrollkäfig in die Sitzschale fädeln. Dann, im Sechspunktgurt festgezurrt, blicke ich irritiert über Instrumente wie aus Star Trek. Meine wichtigsten auf der gut zehn Kilometer kurzen Testetappe: Kompass und mit dem Fuss zu nullende Kurzstreckenzähler.

Handshake mit dem Fahrer: Krzysztof Hołowczyc (52), Pole, ein Hüne von einem Mann, Ex-Rallye-Europameister, jüngst Dakar-Dritter, fester Händedruck und das gewinnende Lächeln von George Clooney: «Du bist der Boss!» Und los! Ui, ist das laut – gottlob haben die Helme Sprechfunk. Huch, ist das heiss – hilflos fächelt die sogenannte Klimaanlage gegen die Hitze. Mensch, ist das rumpelig: Mein Helm spielt Pingpong. Vor mir Sand, Sand, Sand.

George, wie ich ihn hier vereinfachend nenne, jagt zum «Klonk, klonk!» der Schaltung auf Tempo 170. Der erste Abzweig. «Rechts, 265 Grad!», rufe ich auf Englisch. George biegt ab, ich nulle. «500, nach letzter Düne Haarnadel links in Richtung Baum.» Ich bin ja der Boss und zähle, ganz Profi, die Meter hinab: «400, 300, 200, 100.» Links. Cool.

Das ist ja einfach, denke ich – und begehe damit den ersten Fehler. Ach ja, Zähler nullen. Nur sind wir längst hunderte Meter weiter. Meine Augen flirren zwischen Roadbook und Wüste hin und her, suchen im goldgelben Einerlei Halt an irgendetwas, das mich entfernt an irgendetwas im Roadbook erinnert.

Spätestens jetzt wäre ein echter Copilot genau das die längste Zeit gewesen: Ich habe keine Ahnung mehr, wo wir sind. George zeigt auf eine Düne, die aussieht wie Millionen andere: «Haben wir die nicht schon mal gesehen?» Lacht, zeigt per Fingertipp aufs Roadbook, wo wir sind. Slapstick pur. Vor meinem geistigen Auge läuft längst ein Zeitrafferfilm eines in der Wüste verdörrenden Ralleyteams. Dazu die Benny-Hill-Melodie. Im Takt der Federungsschläge nulle ich den Kilometerzähler: Man weiss ja nie, ob nicht etwas Bekanntes auftaucht. Da – der Pneu am Pistenrand – aha! «Vor Düne rechts. Achtung! Schlagloch! Links halten!», rufe ich. George donnert geradeaus den Dünenkamm hoch und springt über die Kuppe. Nanu? Ah, falscher Pneu, falscher Abzweig, falscher Wegpunkt. Aus, ich gebe auf und geniesse den Wahnsinnsritt: «Das wars.» George lacht herzlich und gibt Gas.

Am Ziel. Mein Schädel brummt vom Dünenstakkato, mein Rennanzug klebt – ich bin fertig. Eine echte Dakar-Etappe dauert fünf, sechs, zehn Stunden. Es bleibt mir ein Rätsel, wie die das machen. Wie war ich, George? «Die erste Hälfte war gut.» Diplomatisch, der Mann. Im echten Leben ist er ja auch Politiker im EU-Parlament. Und ich bleibe besser Autoredaktor.

Publiziert am 19.04.2015 | Aktualisiert am 20.04.2015

Rallye ist nicht gleich Rallye

In Sachen Roadbook unterscheiden sich Langstreckenrallyes von den «normalen» Rallyes wie der WRC. Bei Marathonrallyes wird das Roadbook nicht selbst erstellt, sondern vorgefertigt ausgegeben. In der «Bibel» fehlen daher Gangstufen oder Tempovorgaben; stattdessen sind die Winkelgrade des Kompasses wichtig, und die Verantwortung des Beifahrers ist noch höher: Hier verliert man nicht wegen fehlenden Zehntelsekunden, sondern, falls man sich verfährt.

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