VW-Erprobung in und für China Prototypen im Reich der Pandas

Im Herbst soll der neue VW Jetta den chinesischen Markt erobern. Da er die technische Basis für mehrere Modelle ist, testet Entwicklungschef Ulrich Hackenberg das Fahrzeug in China persönlich.

  • Aktualisiert: 07.08.2012
  • Von Wolfgang Gomoll

Die Prozession der sechs hellen Autos auf den Strassen um Chengdu, der zehn Millionen grossen Wirtschaftsmetropole in Westchina, sorgt für wenig Aufsehen, wirkt aber doch eigenartig. Front und Heck der Fahrzeuge sind fast identisch, lassen die Stufenheck-Limousinen als VWs erkennen, aber kaum Rückschlüsse auf das Design im Detail zu. Die Tarnung ist beabsichtigt. Schliesslich verbergen sich unter den uniformen hellen Blechkleidern der neue Jetta und die nächste Generation des Santanas für den chinesischen Markt. Am Steuer des ersten Prototyps sitzt VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg persönlich. Er will sich selbst von der Qualität der in China entwickelten Limousinen überzeugen, denn der Jetta (kommt schon im Herbst) und der Santana sollen zum Verkaufserfolg werden. «Ich bin mit den Autos zufrieden», bilanziert Hackenberg, räumt aber ein, «Natürlich müssen noch Kleinigkeiten verbessert werden.»

Kaum eine Unzulänglichkeit entgeht dem 62-jährigen Cheftester des VW-Konzerns. Mal beanstandet er das Schütteln des Motors im Leerlauf. Dann mahnt er die Abstimmung der Sechsgang-Wandlerautomatik an oder weisst auf Ungenauigkeiten bei der Abdeckung der A-Säule hin. Langlebigkeit und Robustheit stehen ganz oben auf seiner Checkliste. Da der Preis für den Jetta in China unter 12 000 Franken liegen soll, muss er mit Trommelbremsen an der Hinterachse und einem kleineren Bordnetz als bei europäischen Autos auskommen. Hackenbergs Ansprüche an die Qualität sind dennoch hoch. Schliesslich ist die Plattform der Versuchsfahrzeuge die Basis für einige weitere, chinesische VW-Modelle. Neben dem Santana und Jetta werden auch ein Seat und ein Skoda diese Architektur verwenden. Sie ist eine Mischung aus aktuellem Polo (Vorderachse) und aus Golf IV (Hinterachse).

Die akribisch geplante Modell-Offensive samt Elektro-Modellen ist nur dank dem Nutzen von Synergien realisierbar. So lassen sich auch die unterschiedlichen Ansprüche, denn letztendlich besteht China aus vielen Einzelmärkten, zufrieden stellen. VW-Tochter Skoda hat in China besonders ambitiöse Pläne und will den Marktanteil in China bis 2018 von derzeit zwei auf vier Prozent verdoppeln. Neben der Stufenheck-Limousine Rapid (kommt zum Jahreswechsel), die ebenfalls auf der Jetta-Plattform basiert, wird Ende 2013 der Kompakt-SUV Yeti mit modifizierter Front und neu gestaltetem Heck im Reich der Mitte auf den Markt kommen, kurz bevor ein Facelift in Europa erscheint.

Die Abstimmung der Autos ist chinesisch-komfortabel, was sich auf den schlechten Strassen positiv bemerkbar macht, aber auch eine klar spürbare Wankneigung verursacht. Die Abstimmung der Fahrzeuge übernehmen chinesische Ingenieure in Zusammenarbeit mit der Konzernzentrale in Wolfsburg. Insgesamt arbeiten nicht weniger als 2200 Entwickler bei VW-China: 1300 bei FAW-Volkswagen (Sitz in Changchun) und 900 bei Shanghai Volkswagen (Sitz in Shanghai); nur gerade 60 davon sind Europäer. Sie entwerfen neue Autos und wickeln auch die Geschäfte mit den Zulieferern ab. VW setzt auch hier auf lokale Nähe und bevorzugt chinesische Geschäftspartner. Der Plan geht auf: Die lokale Wertschöpfungstiefe liegt bei etwa 90 Prozent. Für Hackenberg ist klar, «Chinesische Autos müssen aus China heraus entwickelt werden.» Deswegen entsteht in der Nähe von Changchun bis Ende 2014 ein neues, 14 km2 grosses Testgelände. Aufgrund der klimatischen Bedingungen sind dort gar ausgedehnte Wintertests möglich.

Neben dem Klima machen den Technikern auch die sehr unterschiedlichen Benzinqualitäten zu schaffen. Deswegen setzt VW bei den neuen Modellen zunächst auf Saugmotoren, die auf dem aktuellen europäischen Abgasnormen basieren. Technisch aufwendigere Aggregate mit Direkteinspritzung sind erst später vorgesehen. Denn noch ist im Reich der Pandas noch nicht alles auf europäischem Niveau. Die Jetta-Wandlerautomatik etwa müht sich nach Kräften, das fehlende Temperament der 110-PS-Maschine auszugleichen, woraus (zu) viele Schaltvorgänge resultieren. «Das wird noch», erklärt Hackenberg und vertieft sich gleich wieder in das Gespräch mit dem Leiter Produktentwicklung Jörg Rohrbeck, bevor die nächste Etappe der 300 Kilometer langen Erprobungsfahrt ansteht.

autoscout24.ch

Alle Kommentare (1)

  • Karl  Winter , Zürich
    Der Škoda-Ableger des Modells kommt voraussichtlich Ende 2012 in den Verkauf und ist als günstige eher spartanische Variante zwischen Fabia und Octavia angesiedelt. Dies vor allem für aufstrebende Märkte wie Indien und China, sekundär Europa.
    • 08.08.2012
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    • 6

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