Besuch im neuen Museo Casa Enzo Ferrari in Modena In der Kathedrale der Rennwagen

Die italienische Sportwagenmetropole Modena hat ein neues Zentrum: das «Museo Casa Enzo Ferrari». Wir tauchen in die Welt des Rennfahrers und Gründers von Ferrari ein.

  • Publiziert: 22.07.2012
  • Von Jürg A. Stettler
play 5000 Quadratmeter Benzin im Blut: das Museo Casa Enzo Ferrari. Links Enzo Ferraris Geburtshaus.

Nirgends gibt es auf derart engem Raum derart viele Sportwagenhersteller wie rund um das italienische Modena. Die Werke von Ferrari, Lamborghini und Maserati, aber auch Pagani liegen kaum einen Steinwurf von einander entfernt. Kein Wunder, wird die Umgebung in Anlehnung an die Computerhochburg Silicon Valley gerne als «Motor Valley» bezeichnet. «Modena ist so etwas wie die Sportwagenhauptstadt der Welt. Das mag am Schaffen von Enzo Ferrari liegen, hat aber auch mit den Flying-Mile-Rekordversuchen 1909 und 1910 sowie ab 1927 mit dem Langstreckenrennen Mille Miglia zu tun», erklärt Oldtimerspezialist Adolfo Orsi (61). Das wohl wichtigste Langstreckenrennen der Vorkriegszeit neben der Targa Florio auf Sizilien führte bis auf eine Ausnahme immer durch Modena. «Aber auch die Ingenieursschule und nicht zuletzt die autointeressierte, wohlhabende Mittelschicht trugen viel zum Sportwagenboom rund um Modena bei», verrät Orsi.

Im Zentrum Modenas und im Herzen des Tals der Motoren gibt es seit diesem Frühling ein neues Museum. Das man wegen seiner aussergewöhnlichen Architektur getrost auch als Rennwagen-Kathedrale bezeichnen darf. Alfredo Orsi gehörte zu den treibenden Kräften hinter dem Museo Casa Enzo Ferrari. Der rund 22 Millionen Franken teure Neubau umfasst das renovierte Geburtshaus von Enzo Ferrari und bietet mit 5000 Quadratmetern Platz für eine Fülle automobiler Raritäten wie Alfa Romeo Bimotore, Ferrari 166 MM Coupé Touring oder Maserati A6GCS Berlinetta. Und während der Enkel des einstigen Maserati-Besitzers an Vitrinen mit Memorabilien entlang schreitet, verrät Orsi stolz: «Die Rennsportabteilung Scuderia Ferrari wurde 1929 bei einem Maserati-Dinner gegründet.» Neben unzähligen Fotos hat Orsi auch Raritäten wie ein Holzmodell eines Maserati 300S für erste Windkanaltests von 1954, die Originalplakette des Targa-Florio-Siegers Giovanni Rocco von 1938 oder auch die legendäre Sonnenbrille von Enzo Ferrari von 1962 zusammengetragen.

Diese Ausstellungsstücke ermöglichen genau wie die wunderschönen Oldtimer einen spannenden Einblick in das Leben und Schaffen des Ferrari-Gründers. Im neuen Museum sind freilich nicht nur Modelle mit dem springenden Pferdchen zu bewundern. Orsi: «Enzo Ferrari hat seine Karriere auf Alfa Romeo gestartet. Von 1920 bis 1926 fuhr er bei lokalen Rennen für Alfa und kümmerte sich danach um die Entwicklung der Fahrzeuge. Ab 1933 wurde die Scuderia Ferrari, die zu ihren Glanzzeiten rund 40 Fahrer umfasste und meist auf Alfa 8C unterwegs war, das offizielle Rennteam der Marke.»

Daher sind im modernen Museumsbau auch exklusive Alfa zu bewundern. Etwa der Bimotore von 1935, mit zwei 8-Zylinder-Reihenmotoren und nicht weniger als 540 PS. Mit ihm versuchten die Italiener den deutschen Boliden von Mercedes und Auto Union die Stirn zu bieten. «Der eine 3,2-Liter befand unter der Fronthaube, der zweite hinterm Fahrer im Heck», erklärt Orsi: «Die Leistung war enorm und ermöglichte 325 km/h Spitze. Aber wegen des hohen Gewichts erwies sich der Bimotore als Reifenmörder. Beim Debüt beim GP von Tripolis musste Tazio Nuvolari nicht weniger als 14 Mal die Reifen wechseln und schaffte nur Platz 4.» Ebenfalls im Museum steht der 8C Spider Corsa von 1932, mit dem Alfa je dreimal in Folge Targa Florio (1931 bis 1933) und Mille Miglia (1932 bis 1934) gewann. Nicht fehlen dürfen zwei Varianten des Ferrari 166 MM. Zum einen ein nur 25 Mal gebauter, weisser Barchetta Touring, und dann ein hellblaues Coupé Touring des Superleggera. «Bis 1953 wurden 46 Exemplare des 166 MM mit dem 140 PS starken V12-Motor gebaut“, verrät Orsi, „und Luigi Chinetti und Lord Selsdon feierten mit einem solchen Modell 1949 gar den ersten Gesamtsieg von Ferrari bei den 24-Stunden von Le Mans.»

Der 61-Jährige Orsi ist ein sprudelnder Quell von Anekdoten, und will als Enkel des einstigen Maserati-Besitzers natürlich, dass wir uns die gezeigten Maserati anschauen. Etwa das Modell von Sergio Pininfarina mit den zwei an der wunderschönen Karosserie entlang geführten Auspuffrohren (1954) und der etwas komplizierten Bezeichnung A6GCS. "Eigentlich gar nicht schwer», eilt Orsi zur Hilfe, «das A steht für Alfieri, einen der beiden Maserati-Brüder. Die 6 steht für die Zylinderzahl. Das G für Ghias und somit Motorblock aus Gusseisen. Dann wäre da noch C&S, was für Corsa&Sport, also Rennsport steht.»

Gleich neben dem knallroten Rennwagen steht noch eine offene A6-Version von Zagato, ebenfalls von einem kraftvollen Zweiliter mit 160 PS angetrieben. «Der Wagen ist ein Einzelstück und wurde ursprünglich für den argentinischen Präsidenten Juan Peron gebaut», raunt uns Orsi ins Ohr, während wir den Zweiplätzer mit dem riesigen Dreizack im Kühlergrill genauer unter die Lupe nehmen. Und als wir den sonst allwissenden Alfredo Orsi nach dem Wert des Einzelstücks fragen, bleibt er uns erstmals eine Antwort schuldig – und meint nur: «Unbezahlbar!»

Homepage des Museums: www.museocasaenzoferrari.it

Weitere Museen in der Region

Neben den beiden Werksmuseen von Ferrari in Maranello (www.museoferrari.com) und Lamborghini in Sant’Agata Bolognese (www.visit-lamborghini.com) gibt es in der Region von Modena noch eine Fülle von weiteren, kleineren, teils privaten, aber nicht minder interessanten Oldtimer-Sammlungen. So etwa das Stanguellini Museum in Modena mit rund 30 Rennwagen aus den 1940er- und 1950-er-Jahren (www.stanguellini.it), die private Sammlung von Mario Righini in Panzano bei Castelfranco Emilia (www.righiniauto.it) und natürlich auch die einzigartige Maserati-Sammlung von Umberto Panini auf einem alten Anwesen in Cittanova di Modena (www.paninimotormuseum.it).

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