Goodwood Festival of Speed Gartenparty am Drehzahllimit

Bereits zum 20. Mal lud der englische Lord of March zum «Festival of Speed» nach Goodwood, dem wohl skurrilsten Motorsport-Happening der Welt.

  • Publiziert: 08.07.2012, Aktualisiert: 09.07.2012
  • Von Jürg A. Stettler

Auf feinen, englischen Rasen legt Charles Gordon-Lennox (57) kaum Wert. Anders ist nicht zu erklären, dass der Earl of March und Kinrara, besser bekannt als Lord March, sich auch dieses Jahr von 185 000 Motorsportfans das Grün vor seinem Herrschaftshaus in Goodwood kaputt treten liess. Der Lord hat vielmehr Benzin im Blut und lädt seit 1993 während des «Festival of Speed» alles was im Motorsport Rang und Namen hat zu sich ein. Legenden wie Sir Stirling Moss (82) in einem Jaguar XK120 von 1949 oder F1-Star Sebastian Vettel (25) mit seinem Weltmeisterauto von 2010 jagen im Höllentempo über einen schmalen Asphaltstreifen im Süden Englands.

Für den motorsportbegeisterten Lord räumen die Hersteller jeweils ihre Museen leer, und scheuchen ihre Preziosen durch die Baumallee und die neun Kurven einer 1,86 Kilometer langen Privatstrecke den Hügel hoch. So begegnen wir einem so raren Ferrari wie dem 250 MM von 1953 mit infernalisch brüllendem 3,0-Liter-V12 und weiteren Sportwagenlegenden wie dem Mercedes W194 von 1952, dem speziell für die F1 konstruierten Porsche 804, oder jenem Porsche 956, mit dem die Deutschen von 1982 bis 1984 alle Titel der FIA-Sportwagen-WM gewannen. Auch alte Seitenwagen, Töffs, Rallyeautos sowie neuste Elektroflitzer jagen über den mit Strohballen gesäumten Asphalt. Das Elektrofahrzeug Nissan Leaf, das mit seiner fast lautlosen Fahrt rückwärts den Hügel hoch gar einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde schafft, wird zwar wohlwollend beklatscht – aber je lauter die Motoren brüllen, desto grösser die Begeisterung der Zuschauer. Denn das anschwellende Stakkato und die wie Schüsse knallenden Zwischengasstösse der Rennmotoren sind für die meisten hier wie Musik in den Ohren.

Zwischen dem Schaulaufen gibt’s immer wieder mal etwas zu werkeln. Eine zusätzliche Bride muss beim zigarrenförmigen und einst von Bobby Unser gefahrenen Eagle-Offenhauser die Auspuffrohre für den zweiten Lauf zusammenhalten. Und beim Chevrolet Corvette «Spirit of Le Mans» von 1976 müssen für den nächsten Start die Zylinder des 7,0-Liter-V8 wieder genau ausgerichtet werden. Ein ungehaltenes, sehr unbritisches «Fuck» von Fahrer Steve Goldin, macht klar, dass es nicht geklappt hat. Dabei wird die Zeit knapp, denn die anderen Renn-Ikonen samt dem über 1300 PS starken Kenworth T2000 «Pikes Peak» Lastwagen kolonnieren sich schon wieder für den nächsten Lauf auf.

Nicht immer geht es aber hektisch zu. Meist bleibt genug Zeit zum Fachsimpeln. Und die Besitzer erklären den interessierten Besuchern auch gerne Details zum Maserati 8CM von 1934. Oder man wirft einen Blick in das Cockpit des Audi R18 e-tron quattro, mit dem der Schweizer Marcel Fässler gerade eben den 24 Stunden-Klassiker von Le Mans gewonnen hat. Und manchmal erbarmt sich dann ein Besitzer zwischen den Läufen, startet den Motor seiner Preziose und entzückt die Fans mit einem gewaltigen Motorenbrüllen. Doch nicht nur in den einzelnen Boxen gibt’s Rennsportgeschichte hautnah zu bewundern. Auf dem Rasen vor dem Haus des Lord stehen neben der futuristischen Skulptur mit diversen Lotus-Rennern, für alle zugänglich eine erlesene Auswahl an Staatskarossen. Etwa der wunderschöne, viertürige Citroën SM Opera von 1972, den Karossier Henri Chapron für Frankreichs Präsidenten Georges Pompidou zu einem Landaulet für Militärparaden und Staatsbesuche umbaute. Oder der Lincoln Cosmopolitan «Bubbletop» mit seiner abnehmbaren Plexiglaskuppel von 1950, in welchem einst die US-Präsidenten Harry S. Truman und Dwight D. Eisenhower chauffiert wurden. Oder auch der endloslange Mercedes 600 Pullmann, in dem die Queen bei ihrem Staatsbesuch 1965 durch Berlin gefahren wurde.

In Goodwood sind aber nicht nur die Stars aus Blech zum Greifen nah. Rennsportlegenden aus Fleisch und Blut wie Emerson Fittipaldi, Jackie Steward und aktuelle F1-Stars wie Jenson Button, Lewis Hamilton oder Mark Webber geben fleissig Autogramme oder springen für ein Erinnerungsfoto schon mal behände über die Absperrungen aus Strohballen. Und Alain Prost, dem im Innenhof des Herrschaftshauses eine Sonderausstellung gewidmet ist, unterschreibt auch mal kurz vor dem Start, schon ins enge Cockpit seines Renault RE40 gezwängt eine Kappe und macht damit einen jungen Fan glücklich. Ehe er den 1,5-Liter-Turbo seines F1-Boliden von 1983 befeuert und mit gekonntem Drift durch die erste Kurve donnert.

Inzwischen nutzen auch immer mehr Autohersteller die legendäre Gartenparty von Lord March, um den Zuschauern einen ersten Blick auf neue Modelle zu gewähren. So sprinten plötzlich ein noch getarnter Mercedes CLS Shooting Brake sowie ein Renault Clio RS den Hang hoch. Und gleich nach dem Sprint den Hügel hoch packt Jaguar seinen Roadster F-Type wieder in einen bewachten Container und lässt die Fans nur noch ab und zu einen Blick auf dessen Front erhaschen.

Beim wohl skurrilsten «Bergrennen» der Welt wird übrigens auch ein Sieger erkoren. Das britische Tourenwagen-As Anthony Reid auf seinem Chevron GT3 ergattert sich den Sieg mit einer Zeit von 46,46 Sekunden und einem Durchschnittstempo von 211 km/h! Weil es beim «Festival of Speed» aber mehr um die Show geht, legen die Piloten vor den grossen Tribünen auch gerne mal einen «Zwischenhalt» ein, entzücken die Fans mit einigen spektakulären Burnouts und hüllen sie so in Rauchwolken ein. Schliesslich mögen die meisten in Goodwood sowieso lieber den Geruch von verbranntem Gummi statt Fish&Chips in der Nase…

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