Fiat-Konzernchef Sergio Marchionne wettert über VW, verrät, dass er wegen Überkapazitäten in seinen Fiat-Werken nicht schlafen kann und nennt Details zur Zukunft von Fiat-Tochter Alfa.
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«Wir sollten gemeinsam einen Weg finden, um durch diese schwierigen Zeiten zu navigieren.»
Die anhaltende Absatzflaute auf dem europäischen Automarkt und die zerstörerische Rabattpolitik sorgen dafür, dass die Alpha-Tiere der Branche eine dünnere Haut kriegen. Noch im Sommer warf Fiat-Chef Sergio Marchionne (60) Europas Marktführer VW und dessen Boss Martin Winterkorn (65) vor, mit der aggressiven VW-Preispolitik ein Blutbad anzurichten. VW konterte prompt und verlangte den Rücktritt des Italieners als Präsident der ACEA, einem Zusammenschluss der 16 grössten europäischen Automobilhersteller. Als Folge zeigte sich Marchionne beleidigt und meinte: «Schade, wenn wir auf einem solchen Niveau diskutieren müssen. Wir sollten besser gemeinsam einen Weg finden, um durch diese schwierigen Zeiten zu navigieren.» Denn der Fiat-Boss geht auch für 2013 von einem krisengebeutelten Automarkt mit rund 12,5 Millionen Verkäufen aus und sieht frühestens für 2014 eine Erholung.
Am Pariser Autosalon (noch bis 14. Oktober) war Sergio Marchionne der Streit mit VW zwar nur noch eine Randnotiz Wert. Man hat sich längst wieder lieb. Dafür wetterte er nun gegen die europäischen Politiker: «Ich habe Mühe mit der unkoordinierten, nationalen Hilfe. Die EU muss als Koordinator und nicht als Finanz-Agitator auftreten.» Während 2009 in den USA bei der grossen Krise der dortigen Autobranche massive Überkapazitäten im Bereich der Produktion abgebaut worden seien, verhinderten in Europa nationale Interessen diesen schmerzlichen, aber längst überfälligen Abbau. «Jeder Politiker will, dass man ja nicht das Werk in seinem Land schliesst», schimpft der Fiat-Boss. Zu schaffen machen Marchionne diese Überkapazitäten auch in seinen europäischen Fiat-Werken. Er verriet im Gespräch, dass er manchmal nachts aufwache und sich Gedanken zur Situation in den Werken und möglichen Schliessungen mache. «Wir Manager sind keine Roboter und schieben einfach Maschinen und Menschen umher. Uns ist sehr wohl bewusst, welche Auswirkungen unsere Entscheidungen auf die Arbeiter haben und dass Existenzen davon abhängen!» Nicht zufrieden ist der Fiat-Boss vor allem mit der Auslastung seiner italienischen Werke, die bei teilweise weniger als 50 Prozent liegt: «In Italien haben wir Dinge getan, die jeder ökonomischen Vernunft widersprechen. Schlicht, weil wir eine lange Tradition aufrechterhalten wollten.» Sein noch im April 2010 bekannt gegebener Investitionsplan «Fabbrica Italia» mit Milliarden-Investitionen im Heimatland der Fiat-Gruppe scheint bereits wieder Makulatur.
Nun verlangt Marchionne Zeit, um das Problem zu lösen. Fraglich, ob sie ihm der gebeutelte Automarkt gewährt. Dafür hegt Marchionne bereits weitere, ehrgeizige Pläne: «Wir müssen Jeep und Alfa wieder im Premiumsegment positionieren.» Erst mit Mito und Giulietta habe Alfa wieder Autos gebaut, die auch dem sportlichen Markencredo entsprechen würden. «Brera, Spider und vor allem der 159 waren keine Alfas! Der 159er war 400 Kilo zu schwer und klar untermotorisiert», ereifert sich der Fiat-Konzernchef, «und rückblickend wohl auch das teuerste Modell in der Markengeschichte.» Dank der Allianz mit Chrysler sei Fiat nun in der Lage, historische Fehler bei Alfa auszubügeln: «Mit einer gemeinsamen Fahrzeugarchitektur – natürlich nicht bei Antrieb und Fahrwerk, da gibts sicher eigene Lösungen – können wir das Portfolio ausbauen und Alfa wieder zur besten Sportwagenmarke im Segment machen.» Marchionne geht gar so weit, dass er für den Ausbau der einzelnen Konzernmarken das geballte Motoren-Technikwissen von Ferrari anzapfen will.
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