Exklusiv-Interview mit Opel-Vorstandschef Karl-Thomas Neumann «Man soll nicht wegschmeissen, was noch Wert hat»

Kurz vor der Frankfurter IAA empfing Opel-Chef Karl-Thomas Neumann SonntagsBlick in der Kommandozentrale in Rüsselsheim. Im Interview sprach der Vorstandschef über den Gesinnungswandel bei Opel, das neue Image und kündigte zum Astra weitere neue Modelle an.

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Herr Neumann, seit März 2013 sind Sie bei Opel. Bereits kurz danach verkündeten Sie, dass Opel 2016 wieder eine schwarze Null schreiben wird. Sind Sie auf Kurs?
Karl-Thomas Neumann:
Das ist nach wie vor unser Ziel. Auch wenn viel passiert ist, seit ich das gesagt habe. Aber wir sind insgesamt sehr erfolgreich, übererfüllen seit zehn Quartalen in Folge unsere internen Ziele und gewinnen Marktanteile dazu. Was für Opel sensationell ist, weil wir davor fast 15 Jahre nur verloren hatten. Es geht Schritt für Schritt bergauf. Wir haben eine Modelloffensive gestartet, die unserer Marke zu neuem Rückenwind verhilft. Wir haben zudem viel fürs Markenimage gemacht. Und so wollen wir unser Zwischenziel bis 2016 schaffen, obschon es natürlich viele unvorhersehbare Entwicklungen gab.

Wie etwa der Einbruch des russischen Marktes?
Genau! Der Rückzug vom russischen Markt hat die gesamte Branche und auch uns hart getroffen. Da wir dort nicht nur das aktuelle Geschäft, sondern auch die Wachstumsperspektiven verloren haben. Es wäre aber unverantwortlich gewesen, das Problem nicht konsequent anzugehen. Denn Russland wird als Markt auch längerfristig schwach bleiben. Ein anderer unerwarteter Aspekt sind die Währungsschwankungen. Der schwache Euro ist für uns grundsätzlich ein Problem. Aber vergleichen Sie unseren Weg mit einem Marathonlauf: Nur weil wir jetzt Gegenwind haben und es regnet, werden wir nicht auf den letzten Kilometern sagen – wir schaffen es nicht. Ich habe immer betont, dass es gegen Ende am schwierigsten wird.

Es gibt weitere kriselnde Märkte – Brasilien, China...
… (fällt ins Wort) ich würde China noch lange nicht als Krisenmarkt bezeichnen. Aber mit Brasilien haben Sie Recht. Und das trifft unseren Mutterkonzern GM natürlich, auch wenn wir als Marke Opel dort nicht vertreten sind.

Und Europa?
Ist ein Wechselbad der Gefühle. In vielen Ländern wächst der Markt. Angesichts des eingebrochenen russischen Marktes ergibt sich aber dennoch nur ein ganz minimales Wachstum. Mit total 18,7 Millionen Neuwagen dümpeln wir auf einem Niveau wie vor mehr als zehn Jahren – also weit unter ehemaligen Höchstständen.

Wo läufts gut in Europa?
In England nach wie vor über Erwarten gut. Auch in Deutschland machen wir Fortschritte. Positiv siehts zudem in Italien, Spanien und Polen aus.

Und in der Schweiz?
Die Schweiz ist interessant. Da hatten wir das Währungsthema, das zu Preisnachlässen führte und für uns alle schwierig war. Die Schweiz ist aber ein Markt, auf dem wir besonders viele hochwertige und sportliche Autos verkaufen. Wir erfreuen uns hier des höchsten OPC-Anteils überhaupt. Insofern ist die Schweiz für uns zwar ein kleiner, aber feiner und wichtiger Markt – mit noch viel Potenzial nach oben.

Hat geholfen, dass Opel-Mutter GM die Schwestermarke Chevrolet in Europa vom Markt nahm?
Das war eine sehr wichtige Entscheidung, weil sie für unsere Organisation, aber auch unsere Kunden Klarheit brachte. Wir haben es zudem geschafft, fast all unsere Händler davon zu überzeugen, dass sie die frei werdenden Flächen mit Opel kompensieren sollen. Geholfen hat uns dabei sicher die Erweiterung unseres Portfolios – etwa mit dem neuen Kleinwagen Karl. So glauben unsere Händler wieder daran, dass bei Opel Positives passiert.

Bei Ihrem Stellenantritt waren Sie um ihre Aufgabe nicht zu beneiden...
… es hatte mir damals auch kaum jemand zu meinem neuen Job gratuliert. Ich habe aber die Herausforderung gesehen und die Entscheidung keine Sekunde bereut.

Die Marke Opel war damals ziemlich ramponiert. Heute herrscht wieder eine viel positivere und selbstbewusstere Stimmung. Wie schafften Sie das in dieser kurzen Zeit?
Geholfen hat sicher, dass sich das Verhältnis zur Mutter GM veränderte. Unser früherer Aufsichtsratschef Steve Girsky leistete grosse Vorarbeit, indem er der Konzernleitung in Detroit klar machte, dass GM Opel als starkes Standbein in Europa braucht. So entstand wieder ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis. Dazu kam, dass GM beschloss, vier Milliarden Euro in Opel zu investieren. Das ermöglichte uns, die grösste Modelloffensive in der Unternehmensgeschichte zu starten oder hier in Rüsselsheim ein neues Motorenzentrum zu bauen. Die ersten Erfolge bestärkten uns darin, wieder positiver und selbstbewusster aufzutreten und klar zu machen, wo wir mit Opel hin wollen. Das alles hatte in den Köpfen der Mitarbeiter unheimlich viel bewegt. Und spätestens, als den Worten auch zuvor unmöglich scheinende Taten folgten – als etwa GM Chevrolet vom Markt nahm – veränderte dies auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit positiv.

Mittlerweile tritt Opel auch kommunikativ wieder frecher und selbstbewusster auf.
Das erforderte Mut. Zum Beispiel die Entscheidung, mit Tina Müller eine branchenfremde Marketingchefin zu verpflichten, die zuvor keine Erfahrung in der Autoindustrie hatte. Mir war aber wichtig, dass wir unsere Marke wieder auf Vordermann bringen. Denn wir können nicht über Produkte reden und dabei ignorieren, dass die Marke ein Problem hat. Und Tina schaffte es mit ihren genialen Kampagnen wie «Umparken im Kopf», dass wir sympathisch über eigene Schwächen sprechen und unser Markenimage vom Verlierer zum Gewinner und Angreifer drehen.

Ihre Modelloffensive starteten sie mit Adam und Karl. Warum zwei neue Kleinstwagen?
Kleinwagen sind in Europa enorm wichtig. Deshalb wollten wir in diesem Segment stark aufgestellt sein. Und das sind wir mit Adam, Karl und neuem Corsa besser als je zuvor. Es hätte sicher auch einen gewissen Charme gehabt, den Neuaufbau der Marke mit einem grossen Flaggschiff zu starten. Aber beim Modellzyklus waren nun mal erst die kleinen Autos dran. Der Adam bringt als Lifestyle-Auto neue und junge Kunden zu uns. Durch den Adam sind wir nun die Marke mit dem höchsten Frauenanteil überhaupt und er ist für unser Markenimage ganz, ganz wichtig. Für den Karl haben wir uns entschieden, um ein Einstiegsmodell für Europa zu haben. Nach dem Chevrolet-Rückzug wollten wir dieses Territorium nicht der Konkurrenz überlassen. Wir haben nun das stärkste und jüngste Kleinwagen-Portfolio am Markt. Und das ist erst der Startschuss zum eigentlichen Modell-Neuheitenfeuerwerk. Zwischen 2016 und 2020 werden 29 neue Opel-Modelle auf den Markt kommen – darunter auch grössere Fahrzeuge!

Brauchts neben Adam und Karl den Corsa noch?
Ja, definitiv! Der Corsa ist eines unserer meistverkauften Autos und sehr, sehr wichtig für uns.

Oder kommt er eines Tages als Opel Fritz?
(lacht) Wir ersetzen Namen da, wo wir das Gefühl haben, dass sie nicht mehr positiv genug assoziiert werden oder nicht mehr zu uns passen. Wir klammern uns nicht verkrampft an gut eingeführten Namen fest. So diskutierten wir zum Beispiel anfangs auch, ob wir den neuen Astra nicht umbenennen sollten.

Wirklich?
Ja, der neue Astra ist ein Quantensprung zum Vorgänger. Und mit einer neuen Bezeichnung hätten wir dies hervorgehoben. Am Ende haben wir uns aber bewusst dagegen entschieden, weil der Name stark und eine Marke für sich ist. Man soll nicht wegschmeissen, was noch Wert hat.

Stichwort Astra – er feiert nächste Woche an der IAA als Limousine und Kombi Premiere. Ihr wichtigstes Modell?
Auf jeden Fall ein extrem wichtiges Modell – für Volumen und Image. Ähnlich wie früher der Kadett steht der Astra für die Marke Opel. Und deshalb wollen wir der Welt ein Auto vorstellen, auf das wir wirklich stolz sind. Ausstattungsmerkmale aus der Oberklasse, leichter und trotzdem geräumiger – der Astra ist auf allen Ebenen ein deutlicher Schritt nach vorne.

Den VW Golf gibts mittlerweile mit fünf verschiedenen Antriebsarten – vom Verbrenner über Gas bis Elektro und Hybrid. Planen Sie für den Astra ähnliches?
Jetzt bringen wir den Astra erst mal mit all unseren neuen Diesel- und Benzinmotoren. Längerfristig wirds natürlich Erweiterungen geben, aber nicht so breit. Erstens haben wir dazu nicht die Volumina und zweitens glaube ich auch nicht, dass dies der richtige Weg ist. Ein Elektroauto ist eine Aussage – etwas Spezielles. Und wenn diese Technik in einem normalen Astra steckt, verliert diese Aussage an Kraft. Ich glaube weiterhin, dass ein Elektroauto ein eigenständiges Design braucht. Und das werden wir bei Opel auch weiterhin so halten.

Folglich müsste der Ampera einen Nachfolger erhalten?
Ganz klar! Wie der aussehen wird, kann ich Ihnen noch nicht verraten. Aber er wird für uns wieder eine wichtige technologische Rolle spielen.

Man hört Gerüchte, Opel plane einen grossen SUV?
Das kann ich bestätigen. Wir werden hier in Rüsselsheim einen SUV in der Grössenordnung des Insignia bauen – und ihn noch in diesem Jahrzehnt einführen.

Die einstige Idee eines grossen Coupés – Stichwort Monza – ist aber gestorben?
Das war nie wirklich in Planung. Der Markt dafür ist zu klein. Und auch für uns als Marke ist das nicht der Platz, wo wir angreifen wollen.

Wo wollen Sie angreifen?
Gegenfrage: Was wollen die Leute heute? Eine etwas höhere Sitzposition, Variabilität beim Platz und Lifestyle. Und das wollen wir mit den Nachfolgern von Meriva und Zafira bieten. Ich liess – als ich hier anfing – die beiden ursprünglich geplanten Konzepte komplett über den Haufen werfen. Ich sagte, wir müssen da was ganz anderes machen. Jetzt machen wir was ganz anderes – und das werden Sie in nicht allzu ferner Zukunft sehen...

Publiziert am 13.09.2015 | Aktualisiert am 13.09.2015
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SonntagsBlick-Redaktor Raoul Schwinnen konnte in Rüsselsheim mit Opel-Vorstandschef Karl-Thomas Neumann sprechen. play
SonntagsBlick-Redaktor Raoul Schwinnen konnte in Rüsselsheim mit Opel-Vorstandschef Karl-Thomas Neumann sprechen.
autoscout24.ch

4 Kommentare
  • Markus  von Gunten aus Bern
    14.09.2015
    Bitte, Opel, bringt den Bolt rüber nach Europa. Wenn ich in Google Elektroauto eingebe, kommt eine Werbung vom Ampera. Der wird nicht mal mehr hergestellt. Null Kompetenz in dem Bereich.
  • Phil  Gut 14.09.2015
    Chevrolet war auf dem Europäischen Markt massiv erfolgreicher als Opel, was den Entscheid von GM zu Gunsten der Deutschen Verliererimage-Marke um so erstaunlicher sein lässt.
    Dass die meisten Chevy-Händler heute Kia anbieten und auch die ehemaligen Chevy-Kunden zu Kia wechseln verschweigt Neumann.
    Die Opel sind keine schlechten Autos, doch wer kauft denn schon Autos mit Verliererimage?
    • Albert  Finlayson , via Facebook 14.09.2015
      @Phil Gut. Es zeigt sich, dass Sie wenig Ahnung vom Markt haben. Die unter der Marke von Chevrolet angebotenen Fahrzeuge waren ebenfalls allesamt in Südkorea fabriziert. Opel hat noch immer einen sehr guten Marktanteil. Sie aber bewegen sich noch in einem Denkmuster aus den 70er Jahren...
    • Hans  Blattmann 14.09.2015
      @Phil. Herzig die Aussage. 1000x lieber fahre ich ein Auto mit Verlierer-Image, als dass ich selbst ein Verlierer bin und dies mit einem zu teuren Auto auszugleichen versuche. Schauen Sie mal, wieviel Elite Opel fährt. Ein günstiges Auto mit vielen tollen Features zu fahren ist nun mal rational und intelligent, wenn auch nicht zwingend trendig.