
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
play
Der Autobianchi A112 war ein Pionier der Individualisierung.
Autodesigner lieben Anglizismen. Immer öfter fällt dabei der Begriff «cocooning». Unter der Einkapselung verstehen die Designer, dass sich der Fahrer in sein Auto zurückziehen und die Umwelt vergessen kann. Dort soll er sich wohl und beschützt fühlen und kann – im Rahmen der Verkehrsregeln – machen, was er will. Dazu muss aber auch das individuelle Umfeld stimmen. Zeiten, als sich einstige Volumenmodelle wie VW Golf oder Opel Kadett innen sehr rudimentär präsentierten, sind längst vorbei. Heute wollen selbst Fahrer von Kleinwagen auf keinen Luxus verzichten: Heizbare Ledersitze, teure Soundsysteme und exklusive Extras sind deshalb längst nicht mehr nur der Oberklasse vorbehalten.
Das Thema Individualisierung steht aber nicht erst seit dem Erfolg von Mini in den Marketing- und Verkaufsabteilungen anderer Autohersteller ganz oben. Eines der ersten Autos, das trotz kompakter Abmessungen und günstigem Preis ein Maximum an Individualität bot, war freilich nicht der Mini, sondern der Autobianchi A112 (später Lancia Y). Dort gab es schon immer Leder- oder Alcantara-Sitze, Nobelambiente oder gar Allradantrieb. Heute alles nicht mehr aussergewöhnlich, doch in den 1970er- und 80er-Jahren bedeutete dies eine automobile Revolution.
An der Innenraum-Revolution von morgen arbeiten heute diverse spezielle Teams. Besonders hoch sind dabei die Ansprüche an die Premiumhersteller. Mercedes hat deshalb ein bisher einzigartiges „Customer Research Center“ mit angeschlossener psychologischer Kundenforschung geschaffen. Gut 20 Mitarbeiter versuchen Trends, Kundenwünsche und innovative Ideen zu erfassen, um sie so zielgerichtet in die Entwicklung neuer Modelle einfliessen zu lassen. Um diesen Wünschen auf die Schliche zu kommen, gibt’s im Center unter anderem Haptik- und Lichtlabor, Akustikbereiche und gar die Möglichkeiten zu Langstrecken-Fahrversuchen.
Aber auch andere Hersteller geben diesbezüglich Gas. Je nach Markenimage bemüht man sich, das Interieur eines Autos besonders hochwertig, elegant, sportlich oder exklusiv erscheinen zu lassen. «Wichtig ist eine ausgewogene Mischung aus Bekanntem und Progressivem», erklärt Mercedes-Interieurdesigner Martin Bremer. «Zu viel Bekanntes wirkt langweilig und altmodisch. Aber bei zu viel Neuem fehlen Anknüpfungspunkte an Gewohntes und Gelerntes.» Freilich ist jeder Kunde anders. Deshalb ist es wichtig, dass sich ein Auto adaptieren lässt – wie beim Erfolgsmodell Mini. Oberflächen aus Alu, Holz oder schwarzem Klavierlack gibt’s dort ebenso wie ein beledertes Armaturenbrett und diverse Farbpakete. Auch die neuen Mercedes-Einstiegsmodelle der A- und B-Klasse passen sich ganz den Wünschen der Kunden an. Einen ähnlichen, wenn auch nicht ganz so aufwendigen Weg gehen Audi mit dem A1, Citroën mit der noblen DS-Linie oder auch Fiat und Lancia. Der Fiat 500, die Familienversion 500L oder der Lancia Y bieten innen und aussen eine Vielzahl von Farben, Materialien oder Paketen, damit kaum ein Modell so aussieht wie das andere. Mercedes-Designer Peter Balko erläutert: «Wir sehen unsere Aufgabe darin, Lebensräume zu kreieren, die dem Streben nach Entspannung, Geborgenheit und Genuss Rechnung tragen. Daher gehört zum stimmigen Gesamtkonzept auch ein luftiges Raumgefühl.»
Was im Kleinen bei Autos der unteren Klasse gilt, nimmt in der Luxusliga natürlich ganz andere Dimensionen an. Das Maximum an Individualisierungsmöglichkeiten bietet Rolls-Royce. Ein grosser Teil der gerade durchgeführten Werkserweiterung in Goodwood wird für das so genannte „Bespoke-Programm“ gebraucht. Dort kann der Kunde eines Ghost oder Phantom die bereits ab Stange prächtig ausstaffierten Luxuslimousinen noch weiter nach seinen Wünschen aufrüsten: «Rolls-Royce-Kunden gehen davon aus, dass wir ihre Erwartungen übertreffen und ihre kühnsten Träume wahr werden lassen», erläutert Torsten Müller-Ötvös, CEO von Rolls-Royce. Mehr als 80 Prozent aller verkauften Rolls-Royce Phantom und jeder zweite Ghost passierten die Bespoke-Individualisierungsabteilung. Und auf der letzten Shanghai Motorshow zeigte gar BMW-Tochter (und Rolls-Schwester) Mini eine limitierte Sonderedition «Inspired by Goodwood» mit Luxusmaterialien aus der Rolls-Royce-Manufaktur. Diese Idee dürfte in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden. Und ist zudem kein Einzelfall. Denn auch Fiat lancierte den erfolgreichen Cinquecento schon mit Sondereditionen in Zusammenarbeit mit Ferrari oder Gucci.
Immer grössere Bedeutung erhalten im Autointerieur aber auch die Bedienelemente und vor allem die Bildschirmsysteme. Kaum ein Neuwagen kommt heute noch ohne grosses Display aus, auf dem Navikarte, Apps oder Soundsystem abgebildet sind. Schon heute bieten Audi, BMW, Mercedes aber auch Peugeot einige ihrer Modelle mit Internet-Zugriff an. Fachleute rechnen gerade dort in den nächsten Jahren mit einem weiteren, immensen Entwicklungsschub. Dieser wird dank LTE-Datenturbo-Technik unsere Autos in rollende Funkwaben verwandeln und so die Fahrzeuginnenräume weiter revolutionieren.
Kommentare (2)