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Die Motorradhersteller versuchen inzwischen jede denkbare Nische zu besetzen. Trotzdem lässt sich die neue Honda Crossrunner nirgends einordnen. Was soll ein Sporttöff mit Grobprofilreifen? Honda-Designer Theo Plaza kam die Idee dazu in einer Kaffeepause, als er über das Bike, das alles kann, sinnierte. Die Maschine sollte einfach sein und dem Fahrer Vergnügen bereiten – egal, ob auf Reisen, unterwegs zu zweit, im Stadtverkehr oder bei der engagierten Feierabendrunde.
Das Resultat ist die Honda Crossrunner mit hoher Sitzposition und der Manövrierbarkeit einer Reiseenduro. Sie verzichtet dabei aber aufs schaukelige Handling aufgrund des hohen Schwerpunkts und der langen Federwege. Der hohe Lenker verleiht vielmehr Übersicht im Verkehr und verleitet zu einem Supermoto-ähnlichen Fahrstil. Und die Crossrunner verfügt dank mehr Bodenfreiheit und grobem Reifenprofil auch etwas Offroad-Tauglichkeit. Dabei geht’s nicht um die Bewältigung einer Wüsten-Rallye, sondern um Bordsteine, Schlaglöcher und Schotterpisten – schliesslich bleibt die Honda trotz Enduro-Formensprache ein Strassentöff.
Ihre digitalen Armaturen teilt sich die Crossrunner mit der CBR 600 F und der Hornet. Sie sind erhöht hinter der schmalen Scheibe angebracht und so angenehm im Blickfeld. Die tiefe Sitzbank (816 mm) führt wie bei vielen Naked-Bikes zu relativ stark angewinkelten Beinen – dafür sind die Knieausschnitte in der Seitenschale sehr grosszügig. Unter dem Plastik versteckt sich die legendäre Sporttouring-Eminenz VFR. Alles gut und recht, nur können wir nicht ganz verstehen, warum hier gerade der VTEC-V4 zum Einsatz kommt. Die Crossrunner wird meist aus dem Drehzahlkeller hochdrehend in den ersten Gängen bewegt. Darum denkt man als Motor eher an einen kräftigen Twin als an ein Aggregat, dessen favorisierter Drehzahlbereich durch das Zuschalten der zusätzlichen Ventilpaare erst oberhalb von 7000/min beginnt.
Bei der ersten Ausfahrt gehen wir dieser Frage auf den Grund. Im zähen Stadtverkehr zirkeln wir die Honda souverän, fast wie mit einem Supersportler zwischen den Autos und Bussen durch. Der V4 werkelt dabei vorwiegend im Zweiventilmodus und überrascht mit angenehm stimmgewaltigen und charakteristisch rauen V4-Ton. Kupplung, Schaltung – alles ist einfach und flutscht wie von selbst. Nach dem Städtchen drehen wir grosszügig am Gas. Nach 7000/min schaltet die VTEC-Steuerung das zweite Ventilpaar zu. Die Ingenieure haben den Drehmoment-Anstieg beim Umschaltpunkt nahezu ausgemerzt und eine fast lineare Leistungsentfaltung erreicht.
Ob im Hanging-off, im engagiert über den Lenker gebückten Supermoto-Stil oder entspannt herumtrödelnd: Die neue Honda lässt sich auf jede erdenkliche Art bewegen. Zudem ist sie ein liberaler Töff. Obwohl die 43-mm-Telegabel und das Federbein auf Rennpisten-Härte verzichten, bleibt sie auch in langgezogenen Bögen stabil, selbst wenn sich in der Tachoanzeige eine dritte Ziffer hinzugesellt. Vor allem auf Passstrassen mit zahllosen Kehren läuft die Crossrunner zu Topform auf und brilliert dank tiefem Schwerpunkt und Lenkkopf mit handlichem, aber nicht kippeligem Einlenkverhalten. Genüsslich lässt sie sich mit brüllender V4-Power und mit gegen den blauen Himmel steigendem Schnabel aus der Kurve katapultieren, um im letzten Moment vor dem nächsten Knick reifenquietschend wieder einzubremsen.
Das Konzept von Theo Plaza geht also auf: Die Crossrunner ist einfach zu handhaben und erstaunlich vielseitig. Und mit einem Preis von 15490 Franken spart man gegenüber der Organspenderin VFR 800 fast 2000 Franken.
Artikel aus dem Magazin «Töff»: www.toeff-magazin.ch