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Wenn Ruedi Steck (49) ins Erzählen gerät, wird klar: Alter schützt vor Vollgas nicht. «Körperliche Fitness ist für Geschwindigkeitsrekorde weniger entscheidend als mentale Stärke», sagt er. Und ergänzt: «Nerven behalten ist das wichtigste. Auf dem ausgetrockneten Salzsee geht es zwar nur gerade aus, aber das Hinterrad dreht dabei extrem durch.»
Der Unterschied zwischen Vorder- und Hinterrad kann auf Salzseen bei 200 km/h schon bis zu 40 km/h betragen. «Dadurch wird das Motorrad unruhig und fährt sich wie auf Eiern», erklärt Steck. Dabei rutscht er auf seinem Stuhl von links nach rechts, den Oberkörper leicht gebeugt, Kopf und Hände nach vorne gestreckt, als packe er seine Suzuki Hayabusa gerade bei den Hörnern: «Etwa so stark pendelt das Heck dann bei 300 km/h!»
Steck glüht förmlich vor Begeisterung. Schnell hat der Familienvater Bilder von den «Bonneville Salt Flats» zur Hand. Die Salzfläche in Utah/USA ist die Wiege aller Highspeed-Rekorde. Dabei sind die Bedingungen nicht optimal für die Jagd nach irren Geschwindigkeiten – 1300 m.ü.M. gelegen ist die Luft dünn. Zum geringen Sauerstoffanteil kommt der lausige Grip auf dem Salz. Der Vorteil liegt in der ebenen Oberfläche. Dadurch gibt es kaum Erschütterungen.
Die Gemeinschaft der Ultraschnellen auf zwei Rädern ist überschaubar. In der Szene gilt der etwas, der in Bonneville schnell ist. Doch das Konkurrenzdenken hält sich in Grenzen. «Man hilft sich und freut sich gemeinsam über Rekorde», erzählt Ruedi. Übrigens: wer älter als 50 ist, muss vorab einen Stresstest absolvieren. «Trotzdem ist es ein Gentleman-Sport. Piloten über 50 sind keine Seltenheit», gesteht der 49-Jährige lächelnd. Denn neben Enthusiasmus und dem nötigen Kleingeld braucht es viel Zeit, um ein Projekt erfolgreich auf die Räder zu stellen.
Die Strecke in Utah ist vom Motorradweltverband (FIM) abgenommen. Zweimal im Jahr können Hochgeschwindigkeits-Profis dort im Rahmen der FIM so schnell fahren, wie sie sich trauen oder ihr Material hergibt. «Acht bis neun Kilometer dauert die Beschleunigungsphase», erklärt Ruedi, «also einmal den ganzen Hallwilersee entlang.» Dann erst wird die Durchschnittsgeschwindigkeit auf die Länge einer Meile (1,61 Kilometer) gemessen. Grenzen setzt dabei fast nie fehlende Motorpower, sondern zu hoher Luftwiderstand.
Ruedi und sein kleines Team haben viel Erfahrung. Aber die Herausforderung ist nicht ohne: Bei 606 km/h steht der Rekord in der Motorradklasse. Steck peilt 700 km/h an. «Unsere Reifen sind für 725 km/h ausgelegt», sagt Ruedi und hämmert mit der Faust auf den Spezialreifen. Die Gummiwalzen von Goodyear sind steinhart. Was kostet so ein Reifen? Er lacht: «Kaufen können wir die nicht, nur leasen. Danach geben wir sie zurück.» Für Serienteile ist bei einem sogenannten Streamliner ohnehin kaum Platz. Fast alles wird speziell angefertigt und von den jeweiligen Herstellern nicht selten gesponsert.
Streamliner bilden die Königklasse der Motorräder nach dem FIM-Reglement. Mit normalen Töffs haben die stromlinienförmigen Geräte kaum Gemeinsamkeiten: zwei Räder, die Motoren und die Lenkerstummel, das wars. «Zuerst habe ich auch gedacht: das sind doch keine Motorräder mehr», gesteht Ruedi.
Der Eventmanager war Chopper-Fahrer. Mit veredeltem Schwermetall, so genannten Custom-Bikes, hat er lange Geld verdient und viele Rekorde mit einer Suzuki Hayabusa gefahren. «Aber um extrem schnell zu sein, braucht es maximale Effizienz.»
«Wir orientieren uns an der Rumpfform des Delphins», erklärt Stecks Konstrukteur Dr. Peter Maskus. Der deutsche Ingenieur ist führend in der Entwicklung hocheffizienter Strassenfahrzeuge. «Unser Modell hat momentan einen Luftwiderstandsbeiwert (cw-Wert) von 0,08», fügt er an. Zum Vergleich: Pinguine stellen diesbezüglich das Optimum dar. Sie gleiten mit cw-Wert von 0,03 durchs Wasser. Moderne Sportwagen mit Werten um 0,3 rammeln da wie Nilpferde durch den Wind.
Passend dazu zeigt auch der Motor des knapp sechs Meter langen Streamliners von Ruedi Steck eine Nähe zur Natur: Er stammt vom bekanntesten japanischen Jagdfalken ab – der Suzuki Hayabusa. Der Umwelt zu Liebe verfeuert er Bioethanol. Dennoch drückt er mit 550 bis 600 PS gut das Dreifache seiner Serienleistung (197 PS) ab.
Ruedi Steck und seinem Team geht es aber nicht nur darum, die Schnellsten zu sein. Steck und Maskus denken weiter. Sie wollen zeigen, wie effizient und nah am Alltag Hochleistungs-Mobilität sein kann. Im Cockpit ihres Geschosses kommen deshalb Fahrer bis 2,05 m Körpergrösse unter und in Sachen Insassensicherheit gilt die Formel 1 als Massstab.
Zusätzlich sorgt eine Traktionskontrolle für Sicherheit und optimale Beschleunigung. Läuft alles glatt, starten die Tests schon im Sommer 2012. Auf der Swiss Moto am kommenden Wochenende (siehe Box) kann man am Stand von Swiss Performance (Halle 5, Stand 22a) bereits Blicke auf das ehrgeizige Projekt werfen: Neben dem Streamliner-Modell (1:5) für die geplante Redordfahrt, 700-km/h-Reifen und dem getunten Hayabusa-Motor wird auch ein Prototyp eines strassentauglichen Streamliner (Acabion) zu sehen sein.