Renault Chefdesigner Laurens van den Acker Marke Renault neu erfinden

  • Publiziert: 07.03.2011, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Jürg A. Stettler

Der Holländer Laurens van den Acker (45) will bei Renault eine neue Design-Ära einläuten. SonntagsBlick sprach mit Renaults Chefdesigner über seine aufregenden Konzeptstudien, gutes Design und die spezielle Optik von Elektromobilen.

SonntagsBlick: Ihr Vorgänger Patrick le Quément war 22 Jahre für das Renault-Design verantwortlich. Da traten Sie ein schweres Erbe an.
Laurens van den Acker: In der Tat. Schliesslich hat er das Renault-Design geprägt und gilt als Ikone.

Dennoch müssen Sie bei Renault einiges ändern.
Stimmt. Wir müssen die Marke Renault neu erfinden, reanimieren und gleichzeitig auch für wachsende Märkte wie Indien und China weiterentwickeln.

Welche Ressourcen stehen Ihnen zur Verfügung?
Ich leite ein Team von 460 Mitarbeitern aus 59 Nationen. Ich habe nun ein eigenes Büro, eine Assistentin mit eigenem Büro und selbst die hat sogar eine eigene Sekretärin mit Büro. Das ist neu für mich. Zuvor bei Mazda sassen wir oft zu fünft in einem Raum. Zudem kriege ich nun Inputs aus unseren Designstudios in Bukarest, Mumbai, Sao Paulo und Seoul.

Ein riesiges Team. Wie viele Modelle bearbeiten Sie gerade?
Zurzeit etwa 40. Bald werden es vermutlich 50 sein. Da brennt es immer irgendwo. Zurzeit kümmere ich mich ganz stark um den neuen Espace, der in rund zwei Jahren auf den Markt kommen wird. Zuvor werden wir aber noch einige kleinere Autos lancieren.

Ihr erstes Werk für Renault war der atemberaubende Sportwagen Dezir…
… der zeigen soll, wohin ich mit der Marke will. Er steht für Liebe, Laetitia Casta und Rot und somit für Leidenschaft und Wärme. Der hier in Genf gezeigte Crossover Captur steht für Abenteuer. Der neue R-Space für Familie und das für Herbst an der IAA vorgesehene Konzept wird Arbeit zum Thema haben. Obwohl es für einen Designer toll ist, eine Carte blanche zu erhalten, waren es für mich beim Dezir fast zu viele Freiheiten.

Welches Serienauto ist das erste, bei dem Sie als Renault Designchef direkt Einfluss nehmen?
Der im nächsten Jahr auf den Markt kommende Clio IV. Es arbeiten zwei meiner wichtigsten Dezir-Designer daran. Ich will schliesslich verhindern, dass die Leute sagen, meine Konzeptcars seien zwar toll, aber die Serienautos mies.

Bei Renault sind Sie auch für die Dacia-Optik zuständig. Gibt’s bei einer Billigmarke grossen Spielraum?
Dacia und Design – Begriffe, die man bislang nicht im selben Atemzug nannte. Das wird sich ändern. Der erste Logan war optisch nichts Spezielles. Der Sandero war mir dafür viel zu nahe am Clio, das darf nicht sein. Während Renault südländischer, emotionaler werden und das typische französische Flair kriegen soll, muss das Dacia-Design der Zukunft eher deutsch, robust und rational werden.

Dann darf man bei Dacia also einen Designsprung erwarten?
Ja. Und vor allem im Innern auch einen Qualitätssprung. Künftig darf man sich nicht mehr schämen, einen Dacia zu fahren. Mit den Modellen werden wir zwar auch künftig keine Designpreise gewinnen, aber sie sollen nicht billig wirken. Der neuen Logan, den wir schon ersten Testpersonen zeigten, löste jedenfalls äusserst positive Reaktionen aus.

Und wie versuchen Sie Überschneidungen mit Allianzpartner Nissan zu verhindern?
Da muss man genau aufpassen, was man gemeinsam verwenden kann und was man schützen muss. Wir zeigen uns gegenseitig die Zeichnungen und haben immer zwei Designer der jeweils anderen Marke bei uns zu Gast. Ich spreche aber auch mit meinen Design-Kollegen bei Mercedes. Dort arbeite ich ja zusammen mit Gordon Wagener am neuen Smart/Renault Twingo. Oder mit Mark Adams von Opel, mit dem ich am neuen Opel Vivaro/Renault Traffic zeichne.

Welche Autos hätten Sie auch gerne gezeichnet?
Den ersten Lancia Stratos. Und bei Renault natürlich die Alpine 110. Sie ist eine Ikone und ich werde mich hüten, mit diesem Namen zu spielen.

Was ist für Sie gutes Design?
Keine einfache Frage. Gutes Design sind für mich gute Proportionen. Und da ist es egal, ob man über Autos oder Menschen spricht. Stimmen die Proportionen, schaut man sich den Menschen genauer an. Man schaut danach auf die Kleider, beim Auto auf Farben und Oberflächen. Und dann schaut man vielleicht bei einer Person noch, welche Uhr oder Brille er trägt. Und beim Auto sind es dann einzelne Karosseriedetails.

Wirkte sich die kürzliche Krise der Autobranche auch aufs Design aus?
Die Krise hat uns wach gerüttelt. Und ich finde es mutig, was Henrik Fisker oder auch mein ehemaliger Mazda-Kollege Franz von Holzhausen bei Tesla versuchen. Sie haben uns die Türen geöffnet und aufgezeigt, wie Elektroautos aussehen sollen. Gleichzeitig haben sie mit ihrem Erfolg auch schlafende Giganten geweckt und werden vielleicht bald für ihre Innovation büssen und von den gleichen Giganten eins aufs Haupt kriegen.

Fordert die Elektromobilität denn ein eigenes Design?
Klar. Für mich ist der Renault Twizzy der Twingo des 21. Jahrhunderts. Beim E-Design muss man auch nicht immer auf der sicheren Seite bleiben, da kann man etwas wagen. Wie Tesla und Fisker zeigen. Wenn man nur ein paar 100 Fahrzeuge zum Preis von über 100000 Franken schafft, kann man dessignmässig machen, was man will. Wenn man aber wie bei unserem Zoë 150000 Stück verkaufen will, dann muss man ein Design wählen, dass auch dem Nachbarn von nebenan gefällt.

Und wie lösten Sie das Problem?
Wir wählten beim Zoë eine nicht allzu gewagte Form und versuchten mit dem Einsatz von blauem Chrom, einen Hightech-Look zu schaffen. Schliesslich wollen wir die Kunden nicht durch eine neue Form und eine neue Technik überfordern.

Persönlich

Laurens van den Acker wurde am 5. September 1965 geboren. Er studierte an der Universität Delft (NL) Industriedesign und suchte danach einen Job in Turin, wo er am Interieur des Bugatti EB100 arbeiten durfte. 1993 wechselte er zu Audi und folgte seinem Mentor J. Mays zu Ford und dann zur Brand Imaging Group. Im Mai 2006 ersetzte er Moray Callum als Chefdesigner bei Mazda und beeinflusste das Nagare-Design entscheidend. Seit Mai 2009 ist van den Acker als Nachfolger für Patrick le Quément Designchef bei Renault.

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