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Ich traue meinen Augen kaum. So weit mein Blick reicht, steht Tür an Tür und fast in Reih und Glied ein zerfallener Oldtimer neben dem andern. Hier ruhen einstige Gegenstände sinnlicher Verehrung in Frieden – im Einklang mit der Natur. Dunkle und tief hängende Wolken tauchen die kaum wirkliche Szenerie in eine gespenstische Atmosphäre. Dass so etwas bei uns in der Schweiz überhaupt existieren kann? Mit fragendem Blick wende ich mich an meinen Begleiter Franz Messerli (57). Dieser zuckt nur mit den Schultern und sagt dann: «Mein Vater konnte sich halt von nichts trennen. Er war ein Sammler von Autos und Töffs. Sie waren sein Leben.»
Begonnen hatte alles 1933. Auf dem elterlichen Hof in Kaufdorf bei Belp BE schlachtete Walter Messerli alte Autos aus und handelte mit Ersatzteilen. «Die Leute waren froh, dass sie ihre alten Autos irgendwo abstellen konnten. Und weil mein Vater alles liebte, was einen Motor besass, führte er die Autos nicht der Schrottpresse zu, sondern stellte sie zur Seite», erzählt Franz Messerli. Wie viele Autos in den vergangenen Jahrzehnten hier ihre Ruhe gefunden haben, weiss er nicht. Wieder zuckt er mit den Schultern und schätzt dann fragend: «Vielleicht 200?»
Ich meine eher das Doppelte – einzelne aus den 30er-Jahren, die Hauptzahl aus den 40ern bis 60ern und noch einige aus den 70ern. Denn Mitte der Siebziger zog sich Walter Messerli aus gesundheitlichen Gründen aus dem Geschäft zurück und übergab den Betrieb seinem Sohn Franz. Dieser war mit dem aktuellen Tagesgeschäft allerdings derart ausgelastet, dass die Oldtimer sich selber überlassen blieben. Und seither wurden sie in ihrem Dornröschenschlaf kaum mehr gestört. Natürlich träumte sein 1986 verstorbener Vater von einem Automuseum. Doch der Widerstand der Behörden war zu gross, als es um die nötigen Baubewilligungen ging. Und so waren die beiden 1975 erstellten, längsseitig offenen Hallen das höchste der Gefühle.
Ich beginne meine Besichtigungstour. Erst kraxle ich über einige moosbewachsene Reifen, dann via Kotflügel eines Mercedes Benz 170 aufs Dach eines DKW. Drei Autodächer weiter gibt mit einem dumpfen Plopp plötzlich das angeschlagene Blech eines imposanten Amischlittens nach. Mit einem schlechten Gewissen fühle ich mich wie ein Leichenfledderer, der hier friedlich vor sich hin schlummernde Zeitzeugen in ihrer verdienten Ruhe stört. Andererseits: Will man sich einen genaueren Überblick über den Friedhof verschaffen, kann man sich nur auf diese Weise vorwärts bewegen.
Plötzlich erstarre ich: Da hat sich doch im weiter vorne abgestellten Studebaker tatsächlich etwas bewegt. Und ein nicht minder erschrockener Fuchs blinzelt mir entgegen und nimmt Reissaus. Meister Reineke scheint hier zu wohnen. «Wie auch im Frühling viele in den Handschuhfächern nistende Vögel», weiss Messerli. Natürlich kennt er einige Anekdoten zu den hier unter einer dicken Staub- und Laubschicht abgestellten Schätzen. So soll auf diesem Platz neben dem Tatraplan des Schwiegersohns von General Guisan auch jener Dodge stehen, in dem 1958 der damalige Bundesrat Markus Feldmann einem Herzschlag erlag.
Ich setze meine Entdeckungsreise fort und stosse weiter auf Skurriles. Ich meine dabei weniger die grasüberwachsenen Sitze der unzähligen VW Käfer, das noch überraschend frisch wirkende Duftbäumchen eines Lancia Fulvia oder den mit Spinnweben verhangenen Schalthebel eines Renault Dauphine, sondern vielmehr einen scheinbar mitten durch einen Stossdämpfer hindurch gewachsenen Baum. Es ist schon erstaunlich, wie auf diesem kleinen Fleckchen Erde die Natur das Auto anzunehmen und gleichzeitig zu beherrschen scheint. Ein aussergewöhnlicher Ort, beeindruckend, einzigartig und mit all seinen verborgenen Schätzen ein wohl ebenso schützenswertes Kulturerbe wie das Ballenberger Freilichtmuseum.