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Sie sitzen vor der Kamera und flehen um ihr Leben, umringt von schwer bewaffneten Terroristen. Alle haben wir sie schon gesehen, die aufwühlenden Bilder von verschleppten Opfern. Der Spott tropft über die Opfer wie Salzsäure von den Lippen der teilvermummten Terror-Sprecher. Mag sein, dass schon heute Abend ein neues Entführungsvideo ausgestrahlt wird. Oder, wie dieser Tage geschehen, dass Terrorfürst Bin Laden sich der Welt mit einer neuen Videobotschaft in Erinnerung ruft.
Die Peiniger setzen Fernseh-Videos als wirksame Waffe ein und sie bauen auf die Macht der Bilder. Erstmals vernahm ich vor etwas mehr als drei Jahrzehnten die Hilferufe des entführten Berliner Abgeordneten Peter Lorenz. Er bat die deutsche Bundesregierung, Gesinnungsgenossen seiner Entführer frei zu lassen. Bonn beugte sich damals der Erpressung.
Ein paar Jahre später wurde der deutsche Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer von der RAF als Geisel genommen und ebenfalls als Bittsteller vor die Kamera gezerrt. Die Regierung lehnte es aber ab, inhaftierte RAF-Mitglieder freizulassen. Schleyer wurde daraufhin erschossen.
Forderungen und Verhandlungen wurden und werden weltweit vor dem Fernsehpublikum ausgetragen. Seit Neustem ändern die Fernsehanstalten, denen solche Videos gezielt zugespielt werden, ihre Informationspraxis. Die deutschen Sender haben kürzlich eine informelle Absprache getroffen, keine bewegten Bilder der verzweifelten Opfer mehr auszustrahlen, sondern nur noch Standfotos. Elmar Thevessen, Terrorismus-Experte des ZDF in einer Mediensendung: «Das Zeigen solcher Videos ist eine Verletzung der Menschenwürde, und zwar die der Opfer, die in Todesangst vor der Videokamera stehen.»
Auch das Schweizer Fernsehen hat sich seine eigenen Leitlinien gegeben. SF will keine Videos ausstrahlen, die via Öffentlichkeit Druck ausüben wollen. Chefredaktor Ueli Haldimann: «Vor allem möchten wir nicht das Geschäft der Entführer besorgen.»
Die Aussagen der Geiseln sind erzwungen und die TV-Bilder Teil der Propaganda. Haldimann weigert sich zu Recht, bewegte und abgepixelte (verfremdete) Bilder auszustrahlen. Das wäre ein falsch verstandener Informationsauftrag.
Die Terroristen geben sich tatsächlich der Hoffnung hin, dass durch solche Schreckensbilder die angesprochenen Regierungen schnell nachgeben. Die heutige Praxis der meisten westlichen Fernseh-Verantwortlichen geht dahin, dass man informieren will, ohne jedoch erpresserische Botschaften zu verbreiten. Egal, ob sie von politischen Überzeugungstätern oder geldgierigen Verbrechern stammen.
Der Krieg der Bilder wird immer brutaler. Im Abendprogramm gibt es immer öfter Leichenstarre statt Trallala. Hoffentlich gewöhnen wir uns nicht daran.