Alchimie Heavy Metal

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Günter Hack

Die Zürcher Künstlerin Ruth Blesi beschwört am Computer dunkle Landschaften herauf. Ozeane, über denen gigantische bleierne Objekte hängen. Menschenleere Wüsten, beherrscht von Monolithen aus Stahl. Meere, Wolken und Stein.

Ruth Blesi, woher kommen Sie?
Ich wurde 1968 in Glarus geboren und lebe seit 1990 in Zürich. Ich habe ein Jahr in Basel Bildhauerei studiert und war vier Jahre in der freien Kunstklasse an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich. Seit fünf, sechs Jahren bin ich freischaffende bildende Künstlerin. Ursprünglich habe ich Schriftsetzerin gelernt. Ich habe sogar noch im Bleisatz gearbeitet. Dann kamen der Fotosatz und der Mac.

Wie entstehen Ihre «Imagineered Sculptures», die sie seit 2000 anfertigen? Diese Bildmontagen von riesigen Objekten aus Fels oder Metall, die über Wolkenbänken oder über dem Meer schweben.
Ich reise sehr häufig, hauptsächlich in südliche Länder wie Israel oder Griechenland. Viele Bilder nehme ich von diesen Reisen mit. Die kombiniere ich am Computer mit digitalen Aufnahmen von Skulpturen, die ich angefertigt habe. Ich wollte von Anfang an digital arbeiten und nicht die Umwelt mit realen Skulpturen à la «Kunst im öffentlichen Raum» verschandeln. Ich wollte das Bild vom Raum unabhängig machen.

Die Bilder verbreiten eine bedrohlich schwere Stimmung. Das erste, was mir dazu einfällt, ist das «Eismeer» von Caspar David Friedrich.
Viele Leute nehmen in den Bildern auch eine Endzeitstimmung wahr. Das hat sicher mit der Zeit zu tun, in der wir leben. Auch dieses Schweben im Raum. Die Bilder zeigen ja Nicht-Orte. Landschaften, die es nicht gibt. Man weiss auch nicht, wie gross oder wie alt die gezeigten Objekte sind. Die Bilder könnten auch die Zukunft zeigen. Sie bilden nicht einen bestimmten Ort ab, sondern viele Orte gleichzeitig. Sie sind Konstruktionen. Caspar David Friedrich oder Manet haben ihre Gemälde ja auch konstruiert. Gute Kunst, die in Form und Inhalt etwas transportiert, bildet nicht einfach etwas ab, sie ist immer vom Künstler konstruiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob neue oder alte Medien verwendet werden, oder eine Kombination aus beiden.

Sie mischen in Ihrer Arbeit digitale und analoge Fototechniken. Aber eigentlich sind Sie ja Bildhauerin.
Ich wollte Skulpturen schaffen, aber nicht solche, die man von allen Seiten betrachten kann. Ich möchte, dass die Bilder so wirken, als hätte man sie im Vorbeifahren nur ganz kurz gesehen

Dazu brauchen Sie viel Material. Gehen Sie auf die Suche nach bestimmten Wolkenformationen, wenn Sie unterwegs sind?
Nicht direkt. Ich mache Aufnahmen, die ich dann je nach Stimmung im Atelier kombiniere. Das ist ja gerade das Spannende: Dass man erst hinterher weiss, wie das Bild herauskommt. Wenn man das schon vorher weiss, braucht man das Bild erst gar nicht herzustellen.

Wie drucken Sie die Bilder?
ich belichte sie auf eine Spezialfolie aus und klebe diese dann auf Aluminiumplatten. Am Anfang habe ich noch Tintenstrahldrucke hergestellt, aber die waren nicht lichtecht und bleichten schnell in der Sonne aus. Die Folien, die ich heute verwende, sollten 70 bis 100 Jahre halten.

Das reicht.
Ja. Kunst sollte eh nicht mehr ewig haltbar sein. Vor allem in der heutigen Zeit nicht mehr. 100 Jahre Garantie reichen da völlig.

Aus den scheinbar gewichtslosen Daten entstehen dann Bilder, die unglaublich schwer wirken.
Ja. Es entstehen auch gleich viele Assoziationen wie die zu Caspar David Friedrich. Aber die schwingen immer so mit. In den 80ern und frühen 90ern dachte man immer, die Anspielungen in einem Kunstwerk müssten offensichtlich sein. Aber wenn ein Kunstwerk gut ist, dann weckt es die Assoziationen von selbst.

Ich glaube, dass mit Photoshop die Fotografie wieder näher an die Malerei heranrückt. Man kann ja jedes Pixel einzeln verändern. Schleicht sich da in die Mausbewegungen wieder das gute alte Handwerk ein?
Mit dem Computer arbeiten ist auch ein Handwerk. Es geht dabei ja nicht nur um die Geschicklichkeit im Umgang mit den Werkzeugen, sondern ums Denken und ums Wahrnehmen und wie man es in eine Form bringt. Es gab in der Malerei auch den Hyperrealismus. Courbet, zum Beispiel. Oder die Ruinenlandschaften von Caspar David Friedrich. Das sind ganz eigene Welten.

Die «Imagineered Sculptures» rufen starke Gefühle hervor. Obwohl sie Ergebnis eines kühlen Montagevorgangs im Computer sind.
Das ist einer der Gründe dafür, warum ich die Strukturen der Felsen oder des Metalls nicht im Computer erzeuge, sondern sie aus der Realität hole. Strukturen, die im Computer entstehen, sehen alle gleich aus. Man sieht, mit welchem Programm sie erzeugt wurden. Darum fotografiere ich lieber wirkliche Objekte für meine Montagen. Das allein ist natürlich keine Erklärung. Die Wirkung der Bilder hängt auch ganz stark von dem Ort ab, an dem sie ausgestellt sind.

Welche Reaktionen kommen auf die Bilder?
Bei vielen Leuten lösen sie eine Abwehrhaltung aus. Wir sind von der aktuellen Gegenwartskunst nicht mehr gewohnt, dass sie uns entgegenkommt. Ausserdem zersplittern die neuen Medien unsere Aufmerksamkeit. Man driftet im Netz von Fenster zu Fenster, von Link zu Link. Ich will in meinen Bildern Zeit und Raum konzentrieren. Die allermeisten Reaktionen auf die Bilder sind aber positiv. Viele Menschen lassen sich auf meine Arbeiten ein und fühlen sich von ihnen berührt.

Die Objekte in den Bildern können uralte Felsformationen sein oder vielleicht ultramoderne Raumschiffe.
Zeit spielt für mein Verständnis von Skulpturen eine wichtige Rolle. Auch um eine klassische Skulptur zu betrachten, muss man um sie herumgehen. Diesen Vorgang des Betrachtens wollte ich auf einen einzigen Augenblick raffen.

Ein Freund von mir, ein Architekt, hat neulich beklagt, dass von unserer Generation nicht viel übrig bleiben wird, weil wir nur virtuelle Dinge im Computer konstruieren, anstatt «echte» Häuser und Skulpturen zu bauen.
Ich habe kürzlich einige Bilder auf einer Website veröffentlicht. Da stehen jetzt sechs Arbeiten von mir. Das existiert jetzt einfach online. Ich habe aber gern noch etwas zum Anfassen, auch wenn es nur ein flaches Bild ist.

Eine Auswahl aus Ruth Blesis Arbeiten ist noch bis zum 21. 05. 2006 in der Ausstellung «Reale Fantasien» des Fotomuseums Winterthur zu sehen.
Die Zürcherin Ruth Blesi schafft am Computer fremde Welten.- Günter Hack

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