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Aufgeschichtete rechteckige Sandsteinquader und abgestorbene Baumstämme liegen auf dem grauen Naturboden im grossen Graben. Trübes Wasser schimmert im Becken, eine kahle Tanne ragt in die Höhe. Das ist das Revier von Pedro und Tana, den zwei Pyrenäischen Braunbären im Bärengraben Bern. Ihre Welt ist klein, die Grube ist gerade mal dreissig Meter lang. Sie sind eingesperrt von der endlosen Mauer ringsum. Die Sicht der beiden Bären ist reduziert auf ein kleines Stück Himmel. In dreieinhalb Metern Höhe tauchen regelmässig Menschen auf und werfen ihnen mehr oder weniger Essbares zu. Die Metallschieber zu ihren Stallungen sind geschlossen.
Dasselbe im kleinen Graben nebenan. Er ist nicht einmal halb so gross. Dort lebt ein Braunbär in Einzelhaft. Er heisst Urs.
Zwischen den beiden Bärenlöchern ragt ein breites, zinnenbekröntes Mauerstück in die Höhe, das «Schlössli». Von hier führt eine schmale Treppe in die unterirdischen Stallungen der Tiere. Grelles Neonlicht beleuchtet den kargen, eisigen Raum.
«Chum ine, Urs!», ruft Emil Hänni, der ehemalige Bärenwärter. Er ist nervös, steht vor den schweren Gitterstäben, gleich kommt sein Bär. Urs schiebt seinen massigen Körper durch den engen Durchschlupf und trottet über den feuchten Betonboden bis nah an das Gitter. Da steht er, in seiner ganzen Wucht: 250 Kilo, dickes, braun-gelbes Fell, ein gewaltiger Schädel und riesige Tatzen mit dicken, schwarzen Krallen. Urs versucht, seine Schnauze durch die Gitterstäbe zu strecken, schnuppert ungeduldig; er lässt seinen ehemaligen Wärter nicht aus den Augen.
Hänni streichelt den Bären – das darf sonst keiner, es ist zu gefährlich. «Mein Urs führt schon ein trostloses Leben hier unten», seufzt Hänni, «kein Bär hat so etwas verdient!» Hänni war 27 Jahre lang Bärenwärter und hat Urs mit der Milchflasche aufgezogen. Seit drei Jahren ist er pensioniert und besucht seinen Bären mindestens einmal pro Woche: «Der Arme wäre sonst ja immer alleine, er braucht mich. Er ist sowieso schon einsam genug.» Neben dem Gitter steht ein grosser Honigtopf, Hänni taucht jetzt einen Löffel hinein und streckt ihn dem braunen Riesen durch die Gitterstäbe zu. Mit seiner langen Zunge leckt Urs gierig den Honig.
Es ist kalt und düster in den Stallungen der Bären. Zwölf Käfige reihen sich in einem bedrückenden Gang aneinander, dicke Eisengitterstäbe trennen die Wärter von den Tieren. Spreu liegt auf dem Boden der Käfige, an manchen Wänden ist eine Hochbank befestigt. Dort können sich die Tiere hinlegen.
Die meiste Zeit müssen die Bären in diesem tristen Untergrund verbringen, ohne Tageslicht – als wären sie lebendig begraben. Im Sommer dürfen sie nur neuneinhalb Stunden an die frische Luft, im Winter noch weniger: sechseinhalb. Urs lebt seit 28 Jahren hier. Der Bärengraben hat in Bern Tradition.
Seit 1513 lebt das Berner Wappentier in der Stadt. Die Berner brachten nach dem Sieg über die Franzosen bei Novara (I) einen Bären als Kriegsbeute nach Hause. Sie präsentierten ihn in einem Graben – als Symbol für den Sieg und die Herrschaft des Menschen über das wilde Tier. Seither gab es vier verschiedene Standorte, immer mitten in der Stadt. Immer erbärmliche Gruben mit einem kahlen Baumstamm. 1857 wurde der heutige Graben eingeweiht, darin lebten bis zu sechsundzwanzig Tiere zusammengepfercht auf kahlem Betonboden. Damals gab es in der Stadt Bern noch Bärenfleisch von Tieren aus dem Graben zu kaufen. Das ist seit vierzehn Jahren verboten.
1996 liess die Stadt den Graben erneuern, um den Tieren endlich eine artgerechtere Haltung zu bieten: Kies-Sandgemisch ersetzte den Betonboden; dank Sandsteinquader, Baumstämmen und einem Bassin sollten die Bären mehr Abwechslung haben. Trotzdem: Die Tiere leben weiterhin in einem trostlosen Loch.
Diese Haltung ist alles andere als artgerecht, obwohl sie leider den Bestimmungen der Tierschutzverordnung entspricht: Die Mindestfläche für zwei Grossbären muss 150 m² betragen, wenn die Tiere auf Betonboden leben. Im Gehege mit Naturboden brauchen sie 1000 m². So schreibt es das Gesetz seit 2001 vor, mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren. Glücklicherweise ist die Berner Bärenhaltung nur noch bis 2011 legal: Die Gräben sind mit 165 m² und 645 m² viel zu klein. Das weiss auch der Schweizer Tierschutz (STS) und fordert seit Jahren: Ein artgerechtes Bärengehege muss mindestens 10 000 m² gross sein.
Pläne für ein schöneres Bärenleben wären seit 2003 vorhanden: Damals entwarfen die Landschaftsarchitekten Beatrice Friedli und Hans Klötzli nach einer Ausschreibung der Stadt Bern einen neuen Bärenpark: neben dem heutigen Standort, direkt bei der Nydeggbrücke unterhalb der Berner Altstadt. 10 000 m² gross, mit Zugang zur Aare. Die Bären könnten im Wald herumstreifen, auf Bäume klettern, Beeren suchen, Höhlen bauen und in der Aare plantschen. Die touristische Attraktion bleibt erhalten, die Besucher werden den Bären in seinem natürlichen Umfeld beobachten können. Der Bau war ursprünglich schon für diesen Winter geplant, doch es fehlte an Geld. Seit im August die Aare übergeschwappt ist, steht das Projekt still.
«KEIN BÄR HAT SO ETWAS VERDIENT»
«Ich möchte den Bärenpark unbedingt!», sagt Barbara Hayoz, FDP-Gemeinderätin der Stadt Bern und zuständig für das Projekt Bärenpark. Sie wartet auf das Hochwasser-Schutzkonzept und auf Geld. Es ist keine leichte Aufgabe für die 43-Jährige, Anfang Jahr hat sie das Dossier von ihrem Vorgänger Adrian Guggisberg übernommen. Damaliger Kostenvoranschlag: acht Millionen Franken. Hayoz liess nachrechnen, der Schock war gross: Der geplante Bärenpark kostet doppelt so viel! «Ob das Projekt jetzt noch zustande kommt, ist ungewiss. Uns fehlt ein grosser Geldgeber», sagt die Gemeinderätin, sie sitzt im Büro an der Nägeligasse 2 in Bern, «nun muss ich auf Sponsorensuche gehen, das ist schwierig. Es ist kein Enthusiasmus zu spüren, keiner will spenden, keiner merkt, wie positiv die Unterstützung des Parks für das Image seiner Firma wäre.»
Die Stadt wird bei der Finanzierung nicht mithelfen, das hat der Stadtrat so entschieden. Er bewilligte einzig den Projektierungskredit von 690 000 Franken – unter der Auflage, dass der Park fremdfinanziert wird. Ein unverständlicher Entscheid. Immerhin besuchen 500 000 Touristen jedes Jahr den Bärengraben, Berner Besucher ausgenommen. Und zusammen mit der Berner Altstadt gehört der Graben seit zwanzig Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe, er ist ein internationales Aushängeschild. «Klar, wir haben dringlichere Probleme in der Stadt, beispielsweise im sozialen Bereich und im Bildungswesen. Der Bärenpark liegt im Bereich ‹nice to have›.» Leider. Die Stadt müsste jetzt endlich ein positives Signal geben.
Bis heute hat Hayoz knapp acht Millionen Franken gesammelt – aus Spenden von Privaten und Firmen. Viele Sponsoren sagen aber erst definitiv zu, wenn die vollständige Finanzierung gesichert ist. Jetzt muss der Park redimensioniert und etappiert werden, sonst droht das Projekt endgültig zu scheitern. «Sie sehen», sagt Hayoz, «ich brauche jede Stimme aus der Bevölkerung und jeden Rappen. Wir müssen alle für den Bärenpark einstehen!»
Nicht alle sind mit Hayoz einig. Hans-Ulrich Gränicher, SVP-Präsident der Stadt Bern, ist für eine artgerechte Tierhaltung, doch der Bärengraben muss im neuen Park integriert werden: «Die Touristen sollen den Bären im Graben nach wie vor Rüebli zuwerfen können. Sie wollen keine Bären im Hang suchen gehen!» Und Gerhart Wagner, 85-jähriger Zoologe aus Stettlen BE, schreibt am 27. September an die Berner Lokalzeitung «Der Bund»: «Im Bärengraben wird das Berner Wappentier in einer historischen, unter Denkmalschutz stehenden Anlage den Bernern und vor allem den Touristen gezeigt. Er dient nicht der Tierhaltung oder gar der Erhaltung der Spezies Braunbär, sondern ist ein origineller, uralter Teil des Stadtbildes.»
Diese Aussagen sind für Bernd Schildger, Direktor im Berner Tierpark Dählhölzli, unverständlich. «Es braucht den Bärenpark! Er ist gut für die Bären und deshalb auch gut für die Stadt», sagt er und schaut mit nachdenklichem Blick aus dem Fenster seines Büros. Seit Jahren kämpft er für eine artgerechte Haltung der Berner Bären. Er ist als Tierparkdirektor zuständig für den Bärengraben, im Bücherregal neben seinem Schreibtisch stehen sieben rote Bundesordner voller Beschwerdebriefe von Besuchern aus der ganzen Welt – immer wieder schämen sich Touristen für die Bärenhaltung in der Stadt, die Gräben lösen Unverständnis und Entsetzen aus. Berechtigterweise, den Tieren geht es schlecht. Sie haben enorme körperliche Schäden, eine Bärin musste im September eingeschläfert werden – Arthrose, überall, sogar an der Wirbelsäule. Nach einem Jahr Behandlung mit Schmerzmitteln wurde das Tier im Alter von 24 Jahren erlöst. Die Bärin ist auf dem Betonboden des Bärengrabens aufgewachsen. «Hartboden bei Bären führt immer zu Arthrose. Doch wir wissen nicht, wie stark die Tiere Schmerzen leiden. Bären sind Wildtiere, sie zeigen ihre Schwäche nicht», erklärt Schildger und zieht die dicke Jacke an, «erst wenn sie lahmen, merkt man etwas.» Auch Urs hat Arthrose, er lahmt nicht. Noch nicht.
EIN PARADIES FÜR URS, TANA UND PEDRO
Schildger macht sich auf den Weg zu seinem Bärengehege im Dählhölzli: «Die Hauptbeschäftigung der Bären in der freien Wildbahn ist die Futtersuche. Das Tier läuft den ganzen Tag, um genug Essen zu finden. Ganz anders bei Tana, Pedro und Urs im Bärengraben. Arttypisches Verhalten ist dort nicht möglich.» Die Berner Bären sind voll auf den Menschen konditioniert: Sie wissen, dass immer wieder zweibeinige Gestalten am Graben auftauchen und ihnen Essen hinunterwerfen – sie müssen nur auf die Hinterbeine stehen oder sich auf den Rücken legen. Wie die Bären sich an den Menschen gewöhnt haben, werden sie sich wieder an die Natur gewöhnen – sie könnten problemlos in den Park umziehen, und für Schildger ist klar: «Urs, Tana und Pedro sind die Bären von Bern, sie gehören in den Park.»
Schildger zeigt seine Bärinnen im Tierpark: Björk und Barba – die beiden leben im Wald auf mehr als 5000 m², haben keine Arthrose, dafür viel Platz. Björk fischt eine Nuss aus dem Wasser, baden will sie nicht, es ist zu kalt. Das Laub raschelt. «Der Bär ist bei den Menschen enorm beliebt», sagt Schildger, «er ist unglaublich geschickt und sein scheinbar torkelnder Gang ist sympathisch. Er kann alles besser als wir: schneller rennen, besser klettern und schwimmen. Eigentlich ist er der bessere Mensch.»
«Es gibt für Bären nichts Schlimmeres als Langeweile», sagt Beatrice Kreienbühl, sie steht neben Emil Hänni vor Urs Käfig, in den unterirdischen Stallungen, «doch das Leben für die Tiere ist hier extrem eintönig. Eigentlich ist das ja kein Leben.» Die 39-Jährige ist Tierpflegerin, sie kümmert sich mit vier Arbeitskollegen um die Tiere im Bärengraben. Hinter ihr steht der grosse Holztisch mit Verpflegung für Urs – eine Harasse Äpfel, Mandarinen, Baumnüsse, drei Kartons Eier, der Honigtopf.
Kreienbühl hat am Morgen früh beide Gräben für die Bären präpariert: Honig am Baumstamm verstrichen, Grünfutter im weichen Boden vergraben, Nüsse unter den Steinen versteckt. Die Tiere sollen Abwechslung haben und ihre Nahrung selbst suchen dürfen. Doch der Spass dauert nicht lange, nach einer Viertelstunde ist alles gefunden – die Bären kennen längst jedes Versteck. Es gibt in ihrem engen Territorium nur eine Abwechslung: Runde um Runde drehen, vor den Besuchern demütigende Kapriolen aufführen und um Nahrung betteln. «Wir tun alles, damit es die Bären im Graben so gut wie möglich haben. Das ist das Einzige, was wir tun können», sagt die Tierpflegerin, «aber wir werden langsam ungeduldig. Der Park könnte schon lange kommen!»
Jetzt muss Urs wieder zurück in den Graben, es ist Mittag, bald kommen die grossen Touristenbusse. «Ich denke gar nicht daran, dass der Bärenpark nicht zustande kommen könnte», sagt Hänni und schaut ein letztes Mal zu Urs, «man kann den Leuten nicht den Speck unter die Nase halten und ihn dann wieder wegziehen!» Es fällt dem Pensionär schwer, Abschied zu nehmen. «Tschou Urs!», sagt er und wendet sich ab, steigt die engen Stufen hoch ins Tageslicht und murmelt leise vor sich hin: «Und wenn der Bärenpark nicht kommt, dann nehm’ ich meinen Urs eben mit nach Hause.»