Der neue Bundesrat Berset über Narrengold, Familie, Musik und Politik: Glücklich ist nur, wer im Jetzt lebt

Bald steckt er tief in der Tagespolitik. Höchste Zeit, dem neuen Innenminister noch einmal privat zu begegnen.

  • Publiziert: , Aktualisiert:

Als der Orkan «Joachim» über die Schweiz fegt, kommt der neue Innenminister Alain Berset mit schnellem Schritt zum SonntagsBlick-Termin. Wind und Wetter konnten ihn nicht stoppen. Als er sich aus dem Mantel schält, wird klar, weshalb er in seiner Freiburger Heimat den Übernamen «Monsieur Parfait» trägt. Berset steht da, wie aus dem Ei gepellt.

Seine Augen scannen blitzschnell die Umgebung – schon hat er meinen Pyrit entdeckt. Der Stein heisst im Volksmund Katzen- oder Narrengold. So einen habe er auch im Büro. Charmante Eröffnung ... auch wenn er nur 25 Minuten Zeit für uns hat.

Alain Berset, herzliche Gratulation zur Wahl! Hat Ihr Partei- und Ständeratskollege Hans Stöckli recht, wenn er sagt, Sie hätten sich seit zehn Jahren auf das Amt vorbereitet?
Alain Berset: Nein, sicher nicht. Was wäre das denn für ein Leben, sich immer mit etwas zu beschäftigen, was gar nicht zur Diskussion steht? Wenn man glücklich werden will, muss man im Jetzt leben.

Hat Kollege Stöckli nicht vielleicht sogar untertrieben? Sie haben sich ein Leben lang vorbereitet, denn Sie stammen aus einer politischen Familie. Liegt Ihnen die Politik im Blut?
Ich komme aus einer Familie, die schon immer sehr engagiert war. Nicht unbedingt in der Politik, sondern im sportlichen Milieu, im Chorgesang. Die logische Folge davon war das soziale Engagement in der Gesellschaft.

Wie sind Sie aufgewachsen? Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht?
Mein Vater war Berufsschullehrer, meine Mutter Buchhändlerin. Ich habe eine jüngere Schwester. Auch am Abend hatten meine Eltern immer viel los.

Da hatten Sie und Ihr Schwesterchen oft sturmfrei?
Das nicht. Die Elterm nahmen uns meistens mit.

Was macht Ihre Schwester?
Sie ist eineinhalb Jahre jünger als ich. Sie arbeitet als Lehrerin und hat drei kleine Kinder.

Als Sie zum Bundesrat gewählt wurden, hat Ihr Grossvater vor Freude geweint. Was bedeutet ihm diese Wahl?
Er kommt aus einer sehr armen Familie. Seine Kindheit war nicht einfach. Am Fernsehen sagte er vorgestern, dass er nie gewagt hätte, sich vorzustellen, dass sein Enkel in die Regierung gewählt würde. So war das für ihn ein sehr bewegender Moment – wie für mich auch.

Ist seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen die Erklärung dafür, dass er im schwarzkatholischen Kanton Freiburg Sozialdemokrat geworden ist?
Ich glaube schon. Er arbeitete bei den SBB und engagierte sich für gute Arbeitsbedingungen.

Sie wollten sich offensichtlich nicht politisch vom Elternhaus abgrenzen und zu den Liberalen gehen?
Für mich war das so nie ein Thema. Vielmehr ging es mir immer um die gesellschaftliche Vision. Um die Frage, wohin sich die Gesellschaft entwickeln soll. Bei der Antwort habe ich mich schnell in den Werten der SP wiedergefunden. Es geht mir um Solidarität, Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit.

Wie war Ihre Mutter?
Sie war in meiner Kindheit immer sehr präsent. Später in der Politik haben sich unsere Wege ständig gekreuzt, da auch sie in der SP aktiv war. Als Kind und als Jugendlicher war ich aber mehr an Sport und Musik interessiert, als an Politik.

Wie haben Sie die Musik entdeckt?
Musik war immer ein Teil meines Lebens. Als Fünfjähriger habe ich in einem gemischten Chor gesungen. Dann habe ich Klavier gespielt. Zuerst viel klassische Musik. Das hat viel zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen und mir die Welt eröffnet.

Liegt das Talent für Musik bei Ihnen in der Familie?
Nicht unbedingt. Ich hatte einfach Lust dazu, musste aber dafür arbeiten. Im Sport war es dasselbe: Ich wollte als Kind natürlich Olympiasieger werden, habe aber schnell realisiert, dass ich als Mittelstreckler nicht das grosse Talent war. So habe ich halt viel trainiert!

Sie hatten als Kind schon viel Disziplin?
Ja. Ich habe im Alter von fünf Jahren angefangen. Da musste ich täglich schon mindestens zehn Minuten Klavier spielen.

Musizieren Ihre Kinder auch?
Sie fangen an, sich für Musik zu interessieren.

Ihre drei Kinder heissen Antoine, Achille und Apolline. Das Triple-AAA kann kein Zufall sein. Was ist die Idee dahinter?
Sie werden es mir nicht glauben: Es ist ein Zufall. Als wir einen Namen für das dritte Kind suchten, fragten wir uns: Was würde uns gefallen? Antwort: Apolline. Dann haben wir gesagt: Das wären dann drei A, das geht nicht. Alle werden uns genau Ihre Frage stellen. Aber schliesslich haben wir uns doch für unseren spontanen Wunschnamen Apolline entschieden.

Wie sieht die Familienplanung aus? Kommen jetzt drei B?
(lacht) Ich glaube nicht.

Sie sagten öffentlich: die Aufgabe als Bundesrat darf nicht das Familienleben ausschliessen. Wie stellen Sie sich Ihr Familienleben künftig vor?
Wir müssen schauen, wie wir uns organisieren, damit unsere Familie Zeit füreinander hat. Es ist sicher eine Situation, die Kreativität erfordert.

Vielleicht auch eine Kinderkrippe im Bundeshaus?
Nein, nein – die Kinder gehen alle schon zur Schule. Auch die Kleine: sie hat im September angefangen. Viele Schweizerinnen und Schweizer erleben eine ähnliche Situation wie unsere Familie. Das wird mir als Bundesrat helfen.

Wie haben Sie Ihre Frau Muriel kennengelernt?
Nichts Spektakuläres. Sie ist im selben Alter und so habe ich sie in Freiburg im Kreise meiner Freunde kennengelernt.

Sie hat Literatur studiert …
Sie unterrichtet «Littérature romande» an der Universität Lausanne. Jahrelang war sie auch in der Programmkommission der Solothurner Literaturtage engagiert.

Weiss sie schon, was in ihrem Leben jetzt passieren wird? Dass ihre Frisur, ihr Make-up, ihre Kleider bei jedem Auftritt ein öffentlichesThema sein werden?
Ich habe heute den BLICK gelesen und den «Mode-Check» gesehen. Den hat sie wahrscheinlich noch nicht gelesen. Ich berichte Ihnen dann einmal von ihrer Reaktion!

Wie viele Sprachen sprechen Sie?
Französisch, Deutsch – dann Englisch und Spanisch, beides muss ich etwas auffrischen – und die brasilianische Variante von Portugiesisch. Schliesslich verstehe ich Italienisch.

Portugiesisch sprechen Sie, weil Sie ein Jahr in Brasilien gelebt haben. Wie kam das?
Das war ein Zwischenjahr nach der Matura und vor dem Studium. Ich wollte andere Erfahrungen machen, neue Welten kennenlernen. So bin ich alleine weggegangen. Das war 1991. Da gab es noch keine Mails, kein Handy, keine SMS. Mit meiner Familie konnte ich nur via Festtelefon oder Telegramm kommunizieren. Beides war teuer. Weil ich wenig Geld hatte, telegrafierte ich einmal im Monat.

Einmal im Monat drei Worte?
(lacht) Es war so: Ein Wort durfte insgesamt 10 Buchstaben haben. So schrieb ich also meinen Text und teilte ihn dann in Stücke von 10 Buchstaben auf. So war es billiger!

In Ihrem neuen Amt als Innen-minister müssen Sie sparen. Wie wird Ihre 10-Buchstaben-Regel lauten?
Ich bin sehr glücklich, dass ich das Departement des Innern führen darf. Es ist ein wichtiges Ministerium, in dem grosse Herausforderungen auf mich warten. Dabei geht es um sehr konkrete Themen, welche die Menschen direkt betreffen.

Bundesrat Didier Burkhalter ist ins Aussendepartement geflohen und überlässt Ihnen dicke Brocken wie die Finanzierung der Sozialwerke und des Gesundheitswesens.
Klar sind das gewichtige Dossiers.

Die soziale Sicherheit ist das Fundament einer Gesellschaft.
Das ist mir völlig bewusst. Ich bin glücklich, dass ich mich gerade für die soziale Sicherheit engagieren darf, die so existenziell für eine Gesellschaft ist.

Was ist Ihre Botschaft an die Schweizerinnen und Schweizer?
Ich freue mich auf diese Aufgabe. Ich will anpacken, ich freue mich darauf, es zu tun, und ich bin mir bewusst, dass die Schweiz den sozialen Ausgleich braucht. Die Solidarität zwischen den Generationen, zwischen den Regionen, zwischen Reich und Arm. In meinem künftigen Departement kann ich für diese Vision der Schweiz arbeiten. 

Der neue Bundesrat Alain Berset fachsimpelt mit Ringier-Publizist Hannes Britschgi über Narrengold: So heisst der Stein namens Pyrit, den beide auf ihren Pulten liegen haben. play Der neue Bundesrat Alain Berset fachsimpelt mit Ringier-Publizist Hannes Britschgi über Narrengold: So heisst der Stein namens Pyrit, den beide auf ihren Pulten liegen haben. (Nik Hunger)