Ausgezappt

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Helmut-Maria Glogger

Neue Studien beweisen: Fernsehen macht dumm und Zuschauer glauben, dass nicht die Wahrheit berichtet wird. Jetzt wehren sie sich: Statt zu zappen, wählen Jung und Alt aus.Das Bild, das der Kriminologe Christian Pfeiffer vom TV-Kind zeichnet, ist traurig: Fernsehen macht nicht nur dumm, sondern auch krank, dick und traurig.Die Zahlen, die Pfeiffers Studie belegen, können selbst von gutwilligsten Schweizer TV-Psychologen nicht mehr vom Tisch gewischt werden: 22000 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 15 Jahren wurden befragt. Dazu kamen Daten von 50 weitere Studien aus dem In- und Ausland. Besonders beklagt wurde darin die weitverbreitete Neigung, sich wahllos von Sendungen berieseln zu lassen. Was weder der Konzentrationsfähigkeit noch der Aufnahme von Bildern dienlich ist. Auch wenn manche Kritiker genau dies als «Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit» sehen.Tatsächlich drehen die meisten Fernsehzuschauer den Spiess jetzt um: Sie wollen sich nicht mehr vom Fernsehen verdummen lassen – wie eine gerade veröffentlichte Umfrage des deutschen Instituts Ipsos im Auftrag der Programmzeitschrift «Hörzu» ergab: Mehr als die Hälfte aller Befragten glauben nicht mehr, was im Fernsehen berichtet wird. Eine fatale Zahl! Bedeutet dies doch nichts weniger als ein massiver Schwund der Glaubwürdigkeit, gerade und besonders bei den sogenannten Nachrichtensendungen. Mehr als jeder zweite der Befragten ab 14 Jahren ist zudem der Meinung, dass das TV-Angebot heute absolut nicht mehr zu überschauen ist.Ein Ergebnis, das aufhorchen lässt: Nicht mal mehr die Jugendlichen sind in der Lage, sich im Wust von Sendeangeboten noch zu orientieren.Knapp 60 Prozent der Interviewten sind der Umfrage zufolge sogar der Meinung, das Programm sei dümmer geworden. Das ist das interessanteste Resultat, heisst dies doch, der Bedarf des Endverbrauchers an Kerner und «Kussmund» Ruge, an Vaterschaftstests bei Oliver Geissen, an Trash-Hochzeiten mit oder ohne Gülcan ist gedeckt. «Das Strafgericht» oder «Das Familiengericht» ersticken im sozialen Sumpf. Was «Staatsanwalt Posch ermittelt» oder «Richterin Barbara Salesch» über ihre Halbbrille hinweg entscheiden – immer mehr Menschen klappen die Augen zu. Was die Ipsos-Studie enthüllt, ist nicht weniger als: 57 Prozent wollen mehr Nachrichten und weniger Unterhaltung. Wobei sie an die Nachrichten hohe Erwartungen stellen. Diese sollen fundiert, objektiv und vor allem wirklich aktuell sein.Der TV-Zuschauer will nicht mehr als «Zielgruppe» der Werbung wahrgenommen werden. Im Gegenteil: Er kämpft mit seiner Fernbedienung gegen die dummen Sendungen, die – wie wir wissen – auf Dauer Jung und Alt dumm, dick und krank machen.Der Zuschauer will die Herrschaft über seinen Schirm zurückerobern. Das wirkt sich unmittelbar auf die Auswahl des Programms aus:Zwei Drittel der Befragten zwischen 35 und 54 Jahren gaben an, gezielter fernzusehen als früher. Selbst die jüngeren Zuschauer mit weniger Fernseherfahrung bestätigten diesen Trend. 56 Prozent der Befragten schalten nicht mehr zwischen den Kanälen hin und her, sondern konzentrieren sich auf eine Sendung.«In den letzten Jahren hat sich eine neue Fernsehgeneration gebildet, die Sendungen ganz gezielt auswählt», sagte «Hörzu»-Chefredaktor Thomas Garms. Vielleicht gewinnt der Zuschauer ja Terrain zurück. Um nicht für blöd verkauft zu werden. Und anschliessend selbst zu verblöden.

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